Fehlprognosen
von Wahrsagern und Astrologen zum Jahreswechsel
Was
eine seriöse Untersuchung von einer Diffamierungskampagne
unterscheidet
Edgar
Wunder
Seit
1990 sammle ich systematisch Prophezeiungen von Wahrsagern, Hellsehern und
Astrologen. Mein
Erkenntnisinteresse als Soziologe sind dabei die spezifische Typik, die
sozialen Hintergründe und die
öffentliche Rezeption von derartigen „Prophetien“ unter den
Bedingungen der modernen
Gesellschaft.
Schnell stellte sich schon
Anfang der 90er Jahre heraus, dass ein gewaltiges Medieninteresse
an einem Nebenprodukt der
Datensammlung bestand: Jeweils zum Jahresende meldeten sich
bei mir Journalisten, die im
Sinne eines unterhaltsamen Jahresrückblicks über die
„Fehlprognosen der
Hellseher“ im jeweils zurückliegenden Jahr berichten wollten. Ich hielt
dies ursprünglich für eine
gute Idee, da so die Tugend öffentlich vermittelbar schien, dass die
kritische Nachfrage gegenüber
derartigen Prognosen durchaus angebracht ist.
So kam es, dass mittlerweile in
ununterbrochener Folge seit dem Jahreswechsel 1991/92
Agenturmeldungen und
Presseberichte über meine „Prognosenprüfungen“ erschienen, jeweils
in den letzten Tagen eines
Jahres. Bis Ende der 90er Jahre lagen dem in der Regel nur einige
Dutzend illustrativ ausgewählte
Beispielfälle des jeweils zurückliegenden Jahres zugrunde,
zum Jahresbeginn 2001 erfolgte
dann erstmals eine recht arbeitsintensive systematische
Kategorisierung und Auswertung
allen bis dahin vorliegenden Datenmaterials für den
Zeitraum 1990-2001, u.a. um eine
„Trefferquote“ quantifizieren zu können. Dabei wurden
stets nur solche Prognosen berücksichtigt,
die (a) konkret genug waren, um unzweideutig
entscheiden zu können, unter
welchen Umständen die Prognose nun als eingetroffen zu
werten ist oder nicht, (b) bei
denen zum Zeitpunkt der Abgabe der Prognose in der
allgemeinen öffentlichen Einschätzung
nicht ohnehin schon überwiegend damit gerechnet
wurde, dass das vorhergesagte
Ereignis eintreffen werde. (Denn Voraussagen des Typs „Im
nächsten Jahr wird es im Sommer
wärmer sein als im Winter“ sind uninteressant.) Auf der
Basis von bis heute insgesamt
1264 gesammelten Prognosen, die diese beiden Bedingungen
erfüllten, wurde eine
Trefferquote von 4 % ermittelt.
Schon
bald musste ich jedoch erkennen, dass die Rezeption dieser „Prognosenprüfungen“
durch die Medien einen
problematischen Verlauf annahm. All zu oft wurden
Zusammenstellungen von
'Fehlprognosen' in sensationsheischender Manier dazu missbraucht,
in undifferenzierter Weise Hohn
und Spott über alles auszugießen, was irgendwie mit
Astrologie oder „Hellsehen“
zusammen hing. Ohne Beachtung des Kontexts wurde der
Aussagegehalt jener Daten maßlos
überinterpretiert oder die Angelegenheit zum Anlass
genommen, um empirisch
unzutreffende Stereotype über Astrologen zu verbreiten.
Seit
Mitte der 90er Jahre versuchte ich dem mit zunehmender Vehemenz entgegen zu
steuern,
d.h. die Nennung von
„Fehlprognosen“ stets mit kontextierenden Erläuterungen zu verbinden,
welche Schlussfolgerungen man
seriöserweise damit nicht verbinden dürfe bzw. welche
gängigen Stereotype zu diesem
Themenkreis nicht haltbar seien. Mit wechselndem Erfolg,
denn leider wurden diese zur
Bewertung wichtigen Informationen nicht immer von allen
Journalisten rezipiert und in
ihrer Berichterstattung beachtet.
Die wichtigsten dieser Punkte
seien deshalb nachfolgend explizit aufgeführt. Wer sie in
seinen Ausführungen über
„Fehlprognosen von Wahrsagern / Astrologen“ nicht beachtet,
muss als unseriös gelten:
(1)
Einzelne besonders spektakuläre Fälle von Fehlprognosen zusammenzustellen und
auf
dieser Basis ein Urteil
abzugeben, ist wissenschaftlich unseriös und wertlos. Denn in
ähnlicher Weise könnte z.B.
auch gegen Wahlforschungsinstitute, Meteorologen,
Wirtschaftsexperten etc.
Stimmung gemacht werden, deren Prognosen auch nicht immer
zuverlässig sind. Allein eine
sorgfältig ausgearbeitete Statistik nach klaren Kriterien kann
relevante Aussagen dazu liefern,
wie zuverlässig ein bestimmtes prognostisches Verfahren ist
– egal ob es um
Wettervorhersagen, die Astrologie o.a. geht.
(2)
Auch eine in einer Statistik ermittelte Trefferquote ist nur dann wirklich
aussagekräftig,
wenn sie mit der
"Zufallserwartung" verglichen wird. Beispielsweise mag die von mir für
den
Zeitraum 1990-2002 ermittelte
Trefferquote von 4 % zwar zu gering sein, um mit solchen
Prophezeiungen in der Praxis
etwas anfangen zu können. Wenn aber durch bloß zufälliges
Raten z.B. nur 1 % Treffer
erreichbar wären ("Zufallserwartung"), dann müsste die von den
Wahrsagern/Astrologen erzielte
Trefferquote von 4 % bereits als auffällig und bedeutsam
gelten. Weil bei der erwähnten
Trefferstatistik keine "Zufallserwartung" ermittelt wurde, ist es
reine Spekulation, ob diese 4 %
Treffer nun "überzufällig" sind oder nur ein
"Zufallsergebnis"
darstellen. Mit Sicherheit kann
lediglich gesagt werden, dass die Zufallserwartung in diesem
Fall deutlich unter 50 % liegt,
weil sich dies bereits aus den Selektionskriterien für die
gesammelten Prognosen ergibt (es
wurden nur solche in die Stichprobe aufgenommen, deren
vermute
Eintreffwahrscheinlichkeit kleiner als 50% war). Als Beleg für oder gegen die
Astrologie kann eine solche
Statistik deshalb für seriöse Forscher nicht dienen (siehe z.B.
http://www.anomalistik.de/0512.htm
für eine anspruchsvollere und angemessenere
Untersuchung zur Astrologie).
(3)
Entgegen einem gängigen aber unzutreffenden Stereotyp, das Astrologie auf das
Stellen
von Prognosen reduziert, hat die
Mehrheit der heute in Deutschland tätigen Astrologen in
Wirklichkeit mit Prognosen gar
nichts mehr Sinn: der typische heutige Astrologe konzentriert
sich vielmehr nur auf die
Deutung der Persönlichkeitsstruktur
eines Klienten. Nach einer in
den Jahren 2000 und 2002 von
Detlef Hover und mir durchgeführten Umfrage unter
insgesamt ca. 300 Astrologen
beschäftigen sich heute nur noch etwa 40 % der Astrologen u.a.
mit Prognosen, davon allerdings
wiederum nur ein sehr kleiner Teil mit konkreten
Ereignisprognosen. 25 % der
befragten Astrologen lehnten Ereignisprognosen sogar von sich
aus explizit als "unseriös"
ab. Begründet wird dies dadurch, dass bei der Deutung von
Horoskopen mit Symbolen
gearbeitet wird, die grundsätzlich immer mehrdeutig seien, so dass
sich konkrete Ereignisprognosen
von vornherein verbieten, weil sie dem astrologischen
System an sich widersprechen würden.
Die Frage, wie viel Prozent der
heute in Deutschland tätigen Astrologen überhaupt noch
Prognosen der Art stellen, wie
sie in den genannten Zusammenstellungen von
"Fehlprognosen" zu
lesen sind, lässt sich so beantworten: in etwa nur noch 2 %! Es ist
deshalb ganz unangebracht von
diesen relativ wenigen Personen (die von anderen Astrologen
überwiegend ohnehin als
"schwarze Schafe" angesehen werden) auf "Deutschlands
Astrologen" oder gar deren
Tätigkeit zu generalisieren. Jede seriöse Verlautbarung zur
Trefferquote von astrologischen
Ereignisprognosen muss auf diesen Sachverhalt hinweisen.
Astrologen beschweren sich
zurecht, wenn dies von Gegnern der Astrologie in demagogischer
Pauschalisierungsabsicht immer
wieder unterschlagen wird. Ähnlich unangebracht wäre es,
z.B. vom Verhalten der
Mitglieder einer bedeutungslosen Splitterpartei (auch wenn diese
große öffentliche
Aufmerksamkeit erzielen sollte) auf "Deutschlands Politiker" zu schließen.
(4)
Nicht minder wichtig ist es zu betonen, dass selbst unter diesen 2 % Astrologen,
die noch
derartige Prophezeiungen
stellen, keinerlei Einigkeit darin besteht, was vorausgesagt wird.
Das vielleicht bemerkenswerteste
Resultat der Untersuchung zu 1264 Ereignisprognosen aus
den Jahren 1990-2002 ist, dass
es in der Tat keinen einzigen Fall eines Ereignisses gab, zu
dem sich mindestens 2 Astrologen
geäußert hatten und bei dem diese Astrologen nicht zu
untereinander widersprüchlichen
Aussagen gekommen wären. Es ist deshalb völlig verfehlt
davon zu sprechen, dass
"die Astrologen" irgend etwas vorausgesagt hätten. Es handelt sich
stets nur um Einzelpersonen, die
solche Vorhersagen abgeben, in aller Regel im Widerspruch
zu anderen Astrologen.
(5)
Häufig werden Astrologen in der Presse oder von böswilligen Kritikern auch mit
"Wahrsagern" und
"Hellsehern" gleichgesetzt. In der Tat ist die Unterscheidung bei
jenen 2 %
der Astrologen, die überhaupt
noch solche Prophezeiungen treffen, nicht immer einfach. Die
übergroße Mehrheit der anderen
Astrologen versteht sich jedoch ganz ausdrücklich nicht als
"Wahrsager" oder
"Hellseher" und distanziert sich mehr oder minder stark von deren
Praktiken, die sich auch formal
klar von denen der Astrologie unterscheiden lassen.
Astrologie sollte also nicht
undifferenziert gleich Wahrsagen/Hellsehen gesetzt werden.
(6)
Bezüglich der angeblichen Fähigkeit des "Hellsehen", über die
manche Menschen zu
verfügen glauben, gibt es eine
ganze Reihe von sehr gut kontrollierten Laborexperimenten,
die durchaus einige ernst zu
nehmende Indizien zeigten, die auf solche Fähigkeiten hindeuten
könnten (siehe z.B. http://www.anomalistik.de/sdm2001.htm).Von
dort zu den weitreichenden
Behauptungen vieler
"Hellseher" ist es allerdings ein sehr weiter Weg. Die bisherigen
Forschungsergebnisse deuten
darauf hin, dass zumindest "hellseherische Leistungen auf
Kommando" ein nicht
einhaltbares Versprechen sind. Jedenfalls sollte man sich der Tatsache
bewusst sein – und dies auch
betonen –, dass angemessene Untersuchungen zur Frage der
Existenz eventueller
"hellseherischer Fähigkeiten" nur jene gut kontrollierten
Laborexperimente darstellen. Die
(nicht schwierige) Zusammenstellung einiger
Fehlprognosen vermeintlicher
"Hellseher" bringt hier keinen Erkenntnisgewinn und ist
wissenschaftlich wertlos. Sie
sollte deshalb auch nicht zu demagogischen Zwecken eingesetzt
werden, um gegen
"Hellseher" Stimmung zu machen.
(7)
In der Diskussion um Fehlprognosen von Astrologen werden häufig populäre
Stereotype
über "Sterndeuter" bemüht, die meistens unzutreffend sind und einer
empirischen Prüfung
nicht standhalten. Das
vermutlich beliebteste davon ist, dass sich mit Astrologie besonders
viel Geld verdienen lasse,
verbunden mit in der Regel frei erfundenen Zahlen, wie hoch der
Jahresumsatz der Astrologen in
Deutschland sei. Eine jüngst durchgeführte empirische
Befragung von Detlef Hover und
mir unter 163 Astrologen hat hier sehr ernüchternde Zahlen
zutage gebracht: Der
durchschnittliche Astrologe konnte nur 17 % (!) seiner notwendigen
Einkünfte durch die Astrologie
selbst erwirtschaften und war ansonsten auf ein zweites
berufliches Standbein
angewiesen, das als Haupterwerbsquelle diente. Der Jahresumsatz eines
Astrologen beträgt
durchschnittlich nur etwa 6000 Euro. Hochgerechnet auf die in
Deutschland insgesamt tätigen
ca. 8000 Astrologen ist damit von einem Jahresgesamtumsatz
aller deutschen Astrologen von
nur ca. 48 Millionen Euro auszugehen. Vergleichbare
Angaben zu
"Wahrsagern" und deren Einkünften liegen für Deutschland nicht vor,
jedoch ist
deren Zahl ohnehin wesentlich
geringer als die der Astrologen (ein Anhaltspunkt: allein in
den "Gelben Seiten"
sind zum Stichwort "Astrologie" 595 Anbieter verzeichnet, zum
Stichwort
"Wahrsagungen" jedoch nur 24). Insgesamt muss also konstatiert werden,
dass mit
Astrologie in Deutschland in
aller Regel kein "leichtes Geld" zu verdienen ist und viele
Astrologen Schwierigkeiten
haben, finanziell überleben zu können.
Überlässt
man Journalisten Zusammenstellungen von „Fehlprognosen“, so ist es nach
meiner
Erfahrung äußerst schwierig,
ihnen gleichzeitig erfolgreich vermitteln, dass die genannten
Punkte in der Berichterstattung
beachtet oder gar in den Mittelpunkt gestellt werden sollten. Zu
groß ist die Versuchung, auf die Schadenfreude der Leser zu spekulieren und
eine
unterhaltsame Geschichte auf dem
Rücken „der“ Astrologen zu konstruieren, die nicht zuletzt
auch vom Bedienen diverser gängiger
Stereotype lebt. Dabei werden nicht in dieses Konzept
passende Informationen
tendenziell ignoriert und ausgeblendet, teilweise wurden sogar
falsche Zitate und Zahlen frei
erfunden, um Kompatibilität mit dieser stereotypisierten
Erzählung herzustellen.
Selbstkritisch muss dabei
bemerkt werden, dass in den ersten Jahren meiner
„Prognosensammlungen“ viele
meiner Äußerungen und Stellungnahmen in dieser Hinsicht
ebenfalls problematisch und
kritisierbar waren, insofern sie die genannten Punkte nicht immer
zureichend beachteten. Mit
zunehmender Sensibilisierung erachtete ich dann jahrelang das
von den Medien gewünschte Thema
„Fehlprognosen“ nur noch als einen leidigen
„Aufhänger“, um gängige
Stereotype zur Astrologie aufzugreifen, zu hinterfragen und richtig
zu stellen. Doch ich musste mit
der Zeit realisieren, dass sich der Ausgangspunkt „Aktuelle
Fehlprognosen“ für diesen
Zweck in der Medienrezeption kaum zu eignen scheint. Mein Fazit
ist, dass ich Journalisten keine
konkreten „Fehlprognosen“ des jeweils zurückliegenden Jahres
mehr zur Verfügung stellen
werde.
Ist
die „Verwurstung“ des Themas in den Medien zweifelsohne für jeden ärgerlich,
der an
einer Versachlichung der Debatte
interessiert ist, so gewinnt die Angelegenheit noch eine
andere, wesentlich üblere
Dimension, wenn weltanschauliche Gegner der Astrologie eigene
Presseerklärungen herausgeben,
um in offensichtlicher Diffamierungsabsicht und unter
bewusster Ausblendung der
genannten Punkte Stimmung gegen alles zu machen, was nicht in
ihr ideologisch verengtes
Weltbild passt. Ein abschreckendes Beispiel dafür ist etwa eine
Presseerklärung der
Weltanschauungsgemeinschaft der sog. „Skeptiker“ / GWUP
(http://www.gwup.org)
vom 17.12.2002. – Ich selbst hatte von 1992 bis 1997 dieser
Gruppierung Auszüge meiner
Prognosensammlungen zur Verwertung überlassen, mich dann
aber aufgrund diverser unseriöser
Praktiken in dieser Organisation (vgl. http://www.skeptizismus.de)
von jenen selbsternannten
„Skeptikern“ distanziert
(siehe http://www.skeptizismus.de/syndrom.html).
Am 17.12.2002 gab die Gruppierung nun erstmals selbst eine eigene
Zusammenstellung von
„Fehlprognosen“ für das zurückliegende Jahr 2002 in einer
werbewirksamen Presseaktion
heraus. Dieser mit Hohn und Spott gefüllte, 2 Seiten
umfassende GWUP-Pressetext
begeht alle Fehler und Sünden, die oben kritisiert wurden, so dass er als eine
gute Illustration dafür dienen kann, wie man es nicht machen sollte und was als
unseriös gelten muss:
Hinsichtlich
des Kritikpunktes (1) heißt es dort z.B. als Fazit: „Doch offenkundig lässt
sich
die Zukunft weder aus den
Sternen noch aus der Kristallkugel oder den Nostradamus-Schriften
ablesen.“ Gerade eine solche
Schlussfolgerung lässt sich aber seriöserweise wie
gesagt nicht aus einer
derartigen Zusammenstellung von Fehlprognosen ziehen.
Schlimmer
noch: die Prognosenzusammenstellung der GWUP zeichnet sich durch eine ganze
Reihe manipulativer Tendenzen
aus, die nicht angehen können: Beispielsweise heißt es dort,
ein von einer wahrsagerisch tätigen
Astrologin für 2002 vorhergesagtes Erdbeben im Raum
Aachen sei nicht eingetreten.
Tatsache ist jedoch, dass am 22.7.2002 sehr wohl ein
mittelschweres Erdbeben mit
Magnitude 5,0 mit Epizentrum bei Aachen stattgefunden hat.
Um die Prognose dennoch als
falsch werten zu können, berief sich der mit diesem Sachverhalt
konfrontierte
GWUP-Verantwortliche mir gegenüber darauf, dass sich die Wahrsagerin
um 5 Wochen im konkreten Termin
geirrt habe: nach einem Artikel der
„Rheinische Post“ hätte das
Erdbeben nämlich erst Ende August 2002 stattfinden sollen. Die
Argumentation ist fragwürdig,
weil die exakte Terminierung von Ereignissen nach der fast
allgemeinen Überzeugung von
„Hellsehern“ der unsicherste Aspekt von derartigen Prognosen
ist. Aber selbst wenn man dies
nicht so sehen möchte, wäre es ein Gebot der Offenheit und
Redlichkeit gewesen, in der
Presseerklärung nicht zu unterschlagen, dass tatsächlich ein Erdbeben bei
Aachen stattgefunden hatte, nur
eben 5 Wochen vorher.
Stattdessen heißt es in der
GWUP-Presseerklärung lapidar und ohne
Hintergrundinformationen, das angekündigte Erdbeben habe nicht stattgefunden.
(Hinzu
kommt in diesem Fall übrigens,
dass die GWUP kein Originalzitat der betreffenden
Astrologin zu dieser Prognose
vorweisen kann und es auch unklar ist, ob bzw. wann sie diese
Prognose erstmals getroffen hat;
die bislang einzige Basis dafür ist ein Zeitungsartikel vom 24.8.2002).
Ein
anderes Beispiel sind die tendenziösen Entstellungen der GWUP zu den
Voraussagen des
Astrologen Winfried Noe zur
Bundestagswahl. Noe hatte bereits im Januar 2002 auf seiner
Homepage geschrieben: „Edmund
Stoiber ist für Gerhard Schröder sicherlich ein starker
Gegner; besonders bis August dürfte
Stoiber viele Erfolge für sich verbuchen und stark an
Ansehen und Einfluss gewinnen.
Doch ab Ende August wendet sich das Blatt – gute
Auslösungen des Kanzlers machen
Stoiber schwer zu schaffen und weisen Stoiber in die
Schranken.“ Schröder bleibe
Kanzler, allerdings sei auch die FDP „sicher (mit) in der
nächsten Regierung“
vertreten. – Mit Ausnahme der FDP-Regierungsbeteiligung war Noes
Prognose im wesentlichen
zutreffend. Was machte die GWUP daraus? Sie ließ in ihrer
Zusammenstellung alle
zutreffenden Aussagen Noes selektiv weg und beschränkte sich auf
die Anprangerung des einen
unzutreffenden Aspekts der FDP-Regierungsbeteiligung.
Und
noch ein drittes Beispiel: Die Astrologin Schwennold hatte die Wiederwahl von
Gerhard
Schröder zum Bundeskanzler
vorausgesagt. Die GWUP entschärft dies durch die Behauptung „man hätte zu
diesem Zweck ebenso gut eine Münze werfen können, denn die
Wahrscheinlichkeit, den
Wahlausgang richtig zu raten, lag bei fünfzig Prozent“. Dies ist
jedoch unzutreffend, wenn man
eine von der GWUP unterschlagene Information mit
hinzuzieht: Schwennold hatte
ihre Prognose für Schröder nämlich im Juni 2002 abgegeben,
also just zu dem Zeitpunkt, als
sämtliche Meinungsumfragen mit großer Deutlichkeit für
Stoiber und gegen Schröder
sprachen und so gut wie kein politischer Kommentator mehr damit rechnete,
dass Schröder in den wenigen
Wochen bis zur Wahl einen derart großen Abstand noch
aufholen könne. Es kann also
gar keine Rede davon sein, dass zum Zeitpunkt der
Prognosenstellung (und dies ist
der einzig relevante), die Chancen für ein Eintreffen dieser
Prognose 50 % betragen hätten,
wie die GWUP behauptet. Dies wäre genauso unsinnig wie
z.B. die Behauptung, Schröders
Wahlchancen seien 33 % gewesen, da mit Westerwelle ja
insgesamt drei Kanzlerkandidaten
zur Auswahl standen.
Insgesamt
illustrieren diese Beispiele den manipulativen Charakter der Arbeit der GWUP –
und sie sind leider keine
Einzelfälle, sondern in fast jeder GWUP-Presseerklärung in
ähnlicher Weise aufzeigbar (siehe z.B. Zeitschrift für Anomalistik 1/2003, S.
47-55). Damit
soll nicht unterstellt werden,
dass mit den o.g. Beispielprognosen irgend etwas für die
Astrologie gewonnen wäre
(Beispiele einzelner Treffer oder Nieten taugen dazu wie gesagt
grundsätzlich nicht), sondern
nur dass eine Organisation, die mit solchen Mitteln arbeitet,
nicht seriös genannt werden
kann.
Zum
Kritikpunkt (2) muss zunächst konstatiert werden, dass die GWUP in ihrer
Pressemitteilung durch den
Kontext des Satzes „Doch zurückliegende Untersuchungen haben
ergeben, dass nur etwa vier
Prozent ihrer konkreten Aussagen stimmen“ suggeriert, sie selbst
habe eine solche
Trefferstatistik angestellt. So wurde es auch von Journalisten verstanden und
in Artikeln entsprechend
dargestellt. In Wirklichkeit hat die GWUP jedoch niemals irgend
eine eigene Trefferstatistik
erarbeitet: der Wert „4 %“ ist einfach aus meiner eigenen
Untersuchung ohne Quellenangabe
abgeschrieben. Ist allein dies schon sehr bedenklich,
wertet die GWUP nun im weiteren
diesen Wert genau auf jene Weise, wie ich – als der, auf
den diese Angabe 4 % zurückgeht
– es oben als unzulässig und unseriös dargestellt habe. So
heißt es im GWUP-Pressetext:
„Und selbst diese äußerst geringe Zahl kommt nach der so
genannten ’Methode des
texanischen Scharfschützen“ zustande“. Jene Schlussfolgerung kann
aber nicht aus der erwähnten
Prozentangabe gezogen werden; dies wäre eine
Überinterpretation der Daten,
da wir in diesem Fall nicht wissen, wie die Zufallserwartung
anzusetzen ist. Im übrigen ist
die Aussage falsch, "dass nur etwa vier Prozent ihrer konkreten Aussagen
stimmen" - in Wirklichkeit sind es *deutlich* mehr als 4 %. Der geringe
Wert von 4 % kommt (wie oben erläutert) nur dadurch zustande, dass bewusst nur
jene Prognosen selektiert werden, deren Eintreffen von vornherein als eher
unwahrscheinlich
gilt.
Nirgends
im gesamten Pressetext der GWUP wird auch nur angedeutet, dass (3) Astrologie
heute nur noch von einer kleinen
Minderheit im Sinne des Stellens von konkreten
Ereignisprognosen praktiziert
wird. Dem Leser wird unzutreffend suggeriert, dies sei die
übliche Arbeitsweise von
heutigen Astrologen. In ähnlicher Weise wird (4) ganz pauschal von
„Deutschlands Hellsehern,
Wahrsagern und Astrologen“ gesprochen, ohne die geringste
Differenzierung. Es gibt (5)
keinerlei Verweise auf seriöse Methoden und Studien, mit denen
angebliche „hellseherische Fähigkeiten“
in Laborexperimenten untersucht wurden bzw. wie
hier der Forschungsstand ist.
Schließlich wird (7) in den Raum gestellt, dass Deutschlands
„Astrologen, Wahrsager und
Hellseher“ jährlich insgesamt 500 Millionen Euro verdienen
würden und somit das Klischee
bedient, dass Astrologen besonders reich und geschäftstüchtig
seien. Die Angabe 500 Millionen
Euro ist frei erfunden, entbehrt jeder empirischen Grundlage
und hält einer kritischen Prüfung
nicht stand.
Am
Ende Ihrer Presseerklärung warnt die GWUP schließlich noch in Bezug auf die
von ihnen
pauschal diffamierten Wahrsager,
Hellseher und Astrologen vor „übelster Scharlatanerie“.
Kritisches Denken ist immer gut,
es sollte nur nicht einseitig in eine bestimmte Richtung
gehen. In diesem Fall zumindest
führt eine nüchterne Analyse der Presserklärung der GWUP
zu dem Ergebnis: Die wahren
Scharlatane sind die „Skeptiker“ selbst.