Fehlprognosen von Wahrsagern und Astrologen zum Jahreswechsel

 

Was eine seriöse Untersuchung von einer Diffamierungskampagne unterscheidet

 

Edgar Wunder

 

Seit 1990 sammle ich systematisch Prophezeiungen von Wahrsagern, Hellsehern und Astrologen. Mein Erkenntnisinteresse als Soziologe sind dabei die spezifische Typik, die sozialen Hintergründe und die öffentliche Rezeption von derartigen „Prophetien“ unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft. Schnell stellte sich schon Anfang der 90er Jahre heraus, dass ein gewaltiges Medieninteresse an einem Nebenprodukt der Datensammlung bestand: Jeweils zum Jahresende meldeten sich bei mir Journalisten, die im Sinne eines unterhaltsamen Jahresrückblicks über die „Fehlprognosen der Hellseher“ im jeweils zurückliegenden Jahr berichten wollten. Ich hielt dies ursprünglich für eine gute Idee, da so die Tugend öffentlich vermittelbar schien, dass die kritische Nachfrage gegenüber derartigen Prognosen durchaus angebracht ist. So kam es, dass mittlerweile in ununterbrochener Folge seit dem Jahreswechsel 1991/92 Agenturmeldungen und Presseberichte über meine „Prognosenprüfungen“ erschienen, jeweils in den letzten Tagen eines Jahres. Bis Ende der 90er Jahre lagen dem in der Regel nur einige Dutzend illustrativ ausgewählte Beispielfälle des jeweils zurückliegenden Jahres zugrunde, zum Jahresbeginn 2001 erfolgte dann erstmals eine recht arbeitsintensive systematische Kategorisierung und Auswertung allen bis dahin vorliegenden Datenmaterials für den Zeitraum 1990-2001, u.a. um eine „Trefferquote“ quantifizieren zu können. Dabei wurden stets nur solche Prognosen berücksichtigt, die (a) konkret genug waren, um unzweideutig entscheiden zu können, unter welchen Umständen die Prognose nun als eingetroffen zu werten ist oder nicht, (b) bei denen zum Zeitpunkt der Abgabe der Prognose in der allgemeinen öffentlichen Einschätzung nicht ohnehin schon überwiegend damit gerechnet wurde, dass das vorhergesagte Ereignis eintreffen werde. (Denn Voraussagen des Typs „Im nächsten Jahr wird es im Sommer wärmer sein als im Winter“ sind uninteressant.)  Auf der Basis von bis heute insgesamt 1264 gesammelten Prognosen, die diese beiden Bedingungen erfüllten, wurde eine Trefferquote von 4 % ermittelt.

Schon bald musste ich jedoch erkennen, dass die Rezeption dieser „Prognosenprüfungen“ durch die Medien einen problematischen Verlauf annahm. All zu oft wurden Zusammenstellungen von 'Fehlprognosen' in sensationsheischender Manier dazu missbraucht, in undifferenzierter Weise Hohn und Spott über alles auszugießen, was irgendwie mit Astrologie oder „Hellsehen“ zusammen hing. Ohne Beachtung des Kontexts wurde der Aussagegehalt jener Daten maßlos überinterpretiert oder die Angelegenheit zum Anlass genommen, um empirisch unzutreffende Stereotype über Astrologen zu verbreiten.

Seit Mitte der 90er Jahre versuchte ich dem mit zunehmender Vehemenz entgegen zu steuern, d.h. die Nennung von „Fehlprognosen“ stets mit kontextierenden Erläuterungen zu verbinden, welche Schlussfolgerungen man seriöserweise damit nicht verbinden dürfe bzw. welche gängigen Stereotype zu diesem Themenkreis nicht haltbar seien. Mit wechselndem Erfolg, denn leider wurden diese zur Bewertung wichtigen Informationen nicht immer von allen Journalisten rezipiert und in ihrer Berichterstattung beachtet. Die wichtigsten dieser Punkte seien deshalb nachfolgend explizit aufgeführt. Wer sie in seinen Ausführungen über „Fehlprognosen von Wahrsagern / Astrologen“ nicht beachtet, muss als unseriös gelten:

 

(1) Einzelne besonders spektakuläre Fälle von Fehlprognosen zusammenzustellen und auf dieser Basis ein Urteil abzugeben, ist wissenschaftlich unseriös und wertlos. Denn in ähnlicher Weise könnte z.B. auch gegen Wahlforschungsinstitute, Meteorologen, Wirtschaftsexperten etc. Stimmung gemacht werden, deren Prognosen auch nicht immer zuverlässig sind. Allein eine sorgfältig ausgearbeitete Statistik nach klaren Kriterien kann relevante Aussagen dazu liefern, wie zuverlässig ein bestimmtes prognostisches Verfahren ist – egal ob es um Wettervorhersagen, die Astrologie o.a. geht.

 

(2) Auch eine in einer Statistik ermittelte Trefferquote ist nur dann wirklich aussagekräftig, wenn sie mit der "Zufallserwartung" verglichen wird. Beispielsweise mag die von mir für den Zeitraum 1990-2002 ermittelte Trefferquote von 4 % zwar zu gering sein, um mit solchen Prophezeiungen in der Praxis etwas anfangen zu können. Wenn aber durch bloß zufälliges Raten z.B. nur 1 % Treffer erreichbar wären ("Zufallserwartung"), dann müsste die von den Wahrsagern/Astrologen erzielte Trefferquote von 4 % bereits als auffällig und bedeutsam gelten. Weil bei der erwähnten Trefferstatistik keine "Zufallserwartung" ermittelt wurde, ist es reine Spekulation, ob diese 4 % Treffer nun "überzufällig" sind oder nur ein "Zufallsergebnis" darstellen. Mit Sicherheit kann lediglich gesagt werden, dass die Zufallserwartung in diesem Fall deutlich unter 50 % liegt, weil sich dies bereits aus den Selektionskriterien für die gesammelten Prognosen ergibt (es wurden nur solche in die Stichprobe aufgenommen, deren vermute Eintreffwahrscheinlichkeit kleiner als 50% war). Als Beleg für oder gegen die Astrologie kann eine solche Statistik deshalb für seriöse Forscher nicht dienen (siehe z.B. http://www.anomalistik.de/0512.htm für eine anspruchsvollere und angemessenere Untersuchung zur Astrologie).

 

(3) Entgegen einem gängigen aber unzutreffenden Stereotyp, das Astrologie auf das Stellen von Prognosen reduziert, hat die Mehrheit der heute in Deutschland tätigen Astrologen in Wirklichkeit mit Prognosen gar nichts mehr Sinn: der typische heutige Astrologe konzentriert sich vielmehr nur auf die Deutung der Persönlichkeitsstruktur eines Klienten. Nach einer in den Jahren 2000 und 2002 von Detlef Hover und mir durchgeführten Umfrage unter insgesamt ca. 300 Astrologen beschäftigen sich heute nur noch etwa 40 % der Astrologen u.a. mit Prognosen, davon allerdings wiederum nur ein sehr kleiner Teil mit konkreten Ereignisprognosen. 25 % der befragten Astrologen lehnten Ereignisprognosen sogar von sich aus explizit als "unseriös" ab. Begründet wird dies dadurch, dass bei der Deutung von Horoskopen mit Symbolen gearbeitet wird, die grundsätzlich immer mehrdeutig seien, so dass sich konkrete Ereignisprognosen von vornherein verbieten, weil sie dem astrologischen System an sich widersprechen würden. Die Frage, wie viel Prozent der heute in Deutschland tätigen Astrologen überhaupt noch Prognosen der Art stellen, wie sie in den genannten Zusammenstellungen von "Fehlprognosen" zu lesen sind, lässt sich so beantworten: in etwa nur noch 2 %! Es ist deshalb ganz unangebracht von diesen relativ wenigen Personen (die von anderen Astrologen überwiegend ohnehin als "schwarze Schafe" angesehen werden) auf "Deutschlands Astrologen" oder gar deren Tätigkeit zu generalisieren. Jede seriöse Verlautbarung zur Trefferquote von astrologischen Ereignisprognosen muss auf diesen Sachverhalt hinweisen. Astrologen beschweren sich zurecht, wenn dies von Gegnern der Astrologie in demagogischer Pauschalisierungsabsicht immer wieder unterschlagen wird. Ähnlich unangebracht wäre es, z.B. vom Verhalten der Mitglieder einer bedeutungslosen Splitterpartei (auch wenn diese große öffentliche Aufmerksamkeit erzielen sollte) auf "Deutschlands Politiker" zu schließen.

 

(4) Nicht minder wichtig ist es zu betonen, dass selbst unter diesen 2 % Astrologen, die noch derartige Prophezeiungen stellen, keinerlei Einigkeit darin besteht, was vorausgesagt wird. Das vielleicht bemerkenswerteste Resultat der Untersuchung zu 1264 Ereignisprognosen aus den Jahren 1990-2002 ist, dass es in der Tat keinen einzigen Fall eines Ereignisses gab, zu dem sich mindestens 2 Astrologen geäußert hatten und bei dem diese Astrologen nicht zu untereinander widersprüchlichen Aussagen gekommen wären. Es ist deshalb völlig verfehlt davon zu sprechen, dass "die Astrologen" irgend etwas vorausgesagt hätten. Es handelt sich stets nur um Einzelpersonen, die solche Vorhersagen abgeben, in aller Regel im Widerspruch zu anderen Astrologen.

 

(5) Häufig werden Astrologen in der Presse oder von böswilligen Kritikern auch mit "Wahrsagern" und "Hellsehern" gleichgesetzt. In der Tat ist die Unterscheidung bei jenen 2 % der Astrologen, die überhaupt noch solche Prophezeiungen treffen, nicht immer einfach. Die übergroße Mehrheit der anderen Astrologen versteht sich jedoch ganz ausdrücklich nicht als "Wahrsager" oder "Hellseher" und distanziert sich mehr oder minder stark von deren Praktiken, die sich auch formal klar von denen der Astrologie unterscheiden lassen. Astrologie sollte also nicht undifferenziert gleich Wahrsagen/Hellsehen gesetzt werden.

 

(6) Bezüglich der angeblichen Fähigkeit des "Hellsehen", über die manche Menschen zu verfügen glauben, gibt es eine ganze Reihe von sehr gut kontrollierten Laborexperimenten, die durchaus einige ernst zu nehmende Indizien zeigten, die auf solche Fähigkeiten hindeuten könnten (siehe z.B. http://www.anomalistik.de/sdm2001.htm).Von dort zu den weitreichenden Behauptungen vieler "Hellseher" ist es allerdings ein sehr weiter Weg. Die bisherigen Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass zumindest "hellseherische Leistungen auf Kommando" ein nicht einhaltbares Versprechen sind. Jedenfalls sollte man sich der Tatsache bewusst sein – und dies auch betonen –, dass angemessene Untersuchungen zur Frage der Existenz eventueller "hellseherischer Fähigkeiten" nur jene gut kontrollierten Laborexperimente darstellen. Die (nicht schwierige) Zusammenstellung einiger Fehlprognosen vermeintlicher "Hellseher" bringt hier keinen Erkenntnisgewinn und ist wissenschaftlich wertlos. Sie sollte deshalb auch nicht zu demagogischen Zwecken eingesetzt werden, um gegen "Hellseher" Stimmung zu machen.

 

(7) In der Diskussion um Fehlprognosen von Astrologen werden häufig populäre Stereotype über "Sterndeuter" bemüht, die meistens unzutreffend sind und einer empirischen Prüfung nicht standhalten. Das vermutlich beliebteste davon ist, dass sich mit Astrologie besonders viel Geld verdienen lasse, verbunden mit in der Regel frei erfundenen Zahlen, wie hoch der Jahresumsatz der Astrologen in Deutschland sei. Eine jüngst durchgeführte empirische Befragung von Detlef Hover und mir unter 163 Astrologen hat hier sehr ernüchternde Zahlen zutage gebracht: Der durchschnittliche Astrologe konnte nur 17 % (!) seiner notwendigen Einkünfte durch die Astrologie selbst erwirtschaften und war ansonsten auf ein zweites berufliches Standbein angewiesen, das als Haupterwerbsquelle diente. Der Jahresumsatz eines Astrologen beträgt durchschnittlich nur etwa 6000 Euro. Hochgerechnet auf die in Deutschland insgesamt tätigen ca. 8000 Astrologen ist damit von einem Jahresgesamtumsatz aller deutschen Astrologen von nur ca. 48 Millionen Euro auszugehen. Vergleichbare Angaben zu "Wahrsagern" und deren Einkünften liegen für Deutschland nicht vor, jedoch ist deren Zahl ohnehin wesentlich geringer als die der Astrologen (ein Anhaltspunkt: allein in den "Gelben Seiten" sind zum Stichwort "Astrologie" 595 Anbieter verzeichnet, zum Stichwort "Wahrsagungen" jedoch nur 24). Insgesamt muss also konstatiert werden, dass mit Astrologie in Deutschland in aller Regel kein "leichtes Geld" zu verdienen ist und viele Astrologen Schwierigkeiten haben, finanziell überleben zu können.

 

 

Überlässt man Journalisten Zusammenstellungen von „Fehlprognosen“, so ist es nach meiner Erfahrung äußerst schwierig, ihnen gleichzeitig erfolgreich vermitteln, dass die genannten Punkte in der Berichterstattung beachtet oder gar in den Mittelpunkt gestellt werden sollten. Zu groß ist die Versuchung, auf die Schadenfreude der Leser zu spekulieren und eine unterhaltsame Geschichte auf dem Rücken „der“ Astrologen zu konstruieren, die nicht zuletzt auch vom Bedienen diverser gängiger Stereotype lebt. Dabei werden nicht in dieses Konzept passende Informationen tendenziell ignoriert und ausgeblendet, teilweise wurden sogar falsche Zitate und Zahlen frei erfunden, um Kompatibilität mit dieser stereotypisierten Erzählung herzustellen. Selbstkritisch muss dabei bemerkt werden, dass in den ersten Jahren meiner „Prognosensammlungen“ viele meiner Äußerungen und Stellungnahmen in dieser Hinsicht ebenfalls problematisch und kritisierbar waren, insofern sie die genannten Punkte nicht immer zureichend beachteten. Mit zunehmender Sensibilisierung erachtete ich dann jahrelang das von den Medien gewünschte Thema „Fehlprognosen“ nur noch als einen leidigen „Aufhänger“, um gängige Stereotype zur Astrologie aufzugreifen, zu hinterfragen und richtig zu stellen. Doch ich musste mit der Zeit realisieren, dass sich der Ausgangspunkt „Aktuelle Fehlprognosen“ für diesen Zweck in der Medienrezeption kaum zu eignen scheint. Mein Fazit ist, dass ich Journalisten keine konkreten „Fehlprognosen“ des jeweils zurückliegenden Jahres mehr zur Verfügung stellen werde.

 

Ist die „Verwurstung“ des Themas in den Medien zweifelsohne für jeden ärgerlich, der an einer Versachlichung der Debatte interessiert ist, so gewinnt die Angelegenheit noch eine andere, wesentlich üblere Dimension, wenn weltanschauliche Gegner der Astrologie eigene Presseerklärungen herausgeben, um in offensichtlicher Diffamierungsabsicht und unter bewusster Ausblendung der genannten Punkte Stimmung gegen alles zu machen, was nicht in ihr ideologisch verengtes Weltbild passt. Ein abschreckendes Beispiel dafür ist etwa eine Presseerklärung der Weltanschauungsgemeinschaft der sog. „Skeptiker“ / GWUP (http://www.gwup.org) vom 17.12.2002. – Ich selbst hatte von 1992 bis 1997 dieser Gruppierung Auszüge meiner Prognosensammlungen zur Verwertung überlassen, mich dann aber aufgrund diverser unseriöser Praktiken in dieser Organisation (vgl. http://www.skeptizismus.de) von jenen selbsternannten „Skeptikern“ distanziert (siehe http://www.skeptizismus.de/syndrom.html). Am 17.12.2002 gab die Gruppierung nun erstmals selbst eine eigene Zusammenstellung von „Fehlprognosen“ für das zurückliegende Jahr 2002 in einer werbewirksamen Presseaktion heraus. Dieser mit Hohn und Spott gefüllte, 2 Seiten umfassende GWUP-Pressetext begeht alle Fehler und Sünden, die oben kritisiert wurden, so dass er als eine gute Illustration dafür dienen kann, wie man es nicht machen sollte und was als unseriös gelten muss: 

 

Hinsichtlich des Kritikpunktes (1) heißt es dort z.B. als Fazit: „Doch offenkundig lässt sich die Zukunft weder aus den Sternen noch aus der Kristallkugel oder den Nostradamus-Schriften ablesen.“ Gerade eine solche Schlussfolgerung lässt sich aber seriöserweise wie gesagt nicht aus einer derartigen Zusammenstellung von Fehlprognosen ziehen.

Schlimmer noch: die Prognosenzusammenstellung der GWUP zeichnet sich durch eine ganze Reihe manipulativer Tendenzen aus, die nicht angehen können: Beispielsweise heißt es dort, ein von einer wahrsagerisch tätigen Astrologin für 2002 vorhergesagtes Erdbeben im Raum Aachen sei nicht eingetreten. Tatsache ist jedoch, dass am 22.7.2002 sehr wohl ein mittelschweres Erdbeben mit Magnitude 5,0 mit Epizentrum bei Aachen stattgefunden hat. Um die Prognose dennoch als falsch werten zu können, berief sich der mit diesem Sachverhalt konfrontierte GWUP-Verantwortliche mir gegenüber darauf, dass sich die Wahrsagerin um 5 Wochen im konkreten Termin geirrt habe: nach einem Artikel der „Rheinische Post“ hätte das Erdbeben nämlich erst Ende August 2002 stattfinden sollen. Die Argumentation ist fragwürdig, weil die exakte Terminierung von Ereignissen nach der fast allgemeinen Überzeugung von „Hellsehern“ der unsicherste Aspekt von derartigen Prognosen ist. Aber selbst wenn man dies nicht so sehen möchte, wäre es ein Gebot der Offenheit und Redlichkeit gewesen, in der Presseerklärung nicht zu unterschlagen, dass tatsächlich ein Erdbeben bei Aachen stattgefunden hatte, nur eben 5 Wochen vorher. Stattdessen heißt es in der GWUP-Presseerklärung lapidar und ohne Hintergrundinformationen, das angekündigte Erdbeben habe nicht stattgefunden. (Hinzu kommt in diesem Fall übrigens, dass die GWUP kein Originalzitat der betreffenden Astrologin zu dieser Prognose vorweisen kann und es auch unklar ist, ob bzw. wann sie diese Prognose erstmals getroffen hat; die bislang einzige Basis dafür ist ein Zeitungsartikel vom 24.8.2002).

Ein anderes Beispiel sind die tendenziösen Entstellungen der GWUP zu den Voraussagen des Astrologen Winfried Noe zur Bundestagswahl. Noe hatte bereits im Januar 2002 auf seiner Homepage geschrieben: „Edmund Stoiber ist für Gerhard Schröder sicherlich ein starker Gegner; besonders bis August dürfte Stoiber viele Erfolge für sich verbuchen und stark an Ansehen und Einfluss gewinnen. Doch ab Ende August wendet sich das Blatt – gute Auslösungen des Kanzlers machen Stoiber schwer zu schaffen und weisen Stoiber in die Schranken.“ Schröder bleibe Kanzler, allerdings sei auch die FDP „sicher (mit) in der nächsten Regierung“ vertreten. – Mit Ausnahme der FDP-Regierungsbeteiligung war Noes Prognose im wesentlichen zutreffend. Was machte die GWUP daraus? Sie ließ in ihrer Zusammenstellung alle zutreffenden Aussagen Noes selektiv weg und beschränkte sich auf die Anprangerung des einen unzutreffenden Aspekts der FDP-Regierungsbeteiligung.

Und noch ein drittes Beispiel: Die Astrologin Schwennold hatte die Wiederwahl von Gerhard Schröder zum Bundeskanzler vorausgesagt. Die GWUP entschärft dies durch die Behauptung „man hätte zu diesem Zweck ebenso gut eine Münze werfen können, denn die Wahrscheinlichkeit, den Wahlausgang richtig zu raten, lag bei fünfzig Prozent“. Dies ist jedoch unzutreffend, wenn man eine von der GWUP unterschlagene Information mit hinzuzieht: Schwennold hatte ihre Prognose für Schröder nämlich im Juni 2002 abgegeben, also just zu dem Zeitpunkt, als sämtliche Meinungsumfragen mit großer Deutlichkeit für Stoiber und gegen Schröder sprachen und so gut wie kein politischer Kommentator mehr damit rechnete, dass Schröder in den wenigen Wochen bis zur Wahl einen derart großen Abstand noch aufholen könne. Es kann also gar keine Rede davon sein, dass zum Zeitpunkt der Prognosenstellung (und dies ist der einzig relevante), die Chancen für ein Eintreffen dieser Prognose 50 % betragen hätten, wie die GWUP behauptet. Dies wäre genauso unsinnig wie z.B. die Behauptung, Schröders Wahlchancen seien 33 % gewesen, da mit Westerwelle ja insgesamt drei Kanzlerkandidaten zur Auswahl standen.

Insgesamt illustrieren diese Beispiele den manipulativen Charakter der Arbeit der GWUP – und sie sind leider keine Einzelfälle, sondern in fast jeder GWUP-Presseerklärung in ähnlicher Weise aufzeigbar (siehe z.B. Zeitschrift für Anomalistik 1/2003, S. 47-55). Damit soll nicht unterstellt werden, dass mit den o.g. Beispielprognosen irgend etwas für die Astrologie gewonnen wäre (Beispiele einzelner Treffer oder Nieten taugen dazu wie gesagt grundsätzlich nicht), sondern nur dass eine Organisation, die mit solchen Mitteln arbeitet, nicht seriös genannt werden kann.

 

Zum Kritikpunkt (2) muss zunächst konstatiert werden, dass die GWUP in ihrer Pressemitteilung durch den Kontext des Satzes „Doch zurückliegende Untersuchungen haben ergeben, dass nur etwa vier Prozent ihrer konkreten Aussagen stimmen“ suggeriert, sie selbst habe eine solche Trefferstatistik angestellt. So wurde es auch von Journalisten verstanden und in Artikeln entsprechend dargestellt. In Wirklichkeit hat die GWUP jedoch niemals irgend eine eigene Trefferstatistik erarbeitet: der Wert „4 %“ ist einfach aus meiner eigenen Untersuchung ohne Quellenangabe abgeschrieben. Ist allein dies schon sehr bedenklich, wertet die GWUP nun im weiteren diesen Wert genau auf jene Weise, wie ich – als der, auf den diese Angabe 4 % zurückgeht – es oben als unzulässig und unseriös dargestellt habe. So heißt es im GWUP-Pressetext: „Und selbst diese äußerst geringe Zahl kommt nach der so genannten ’Methode des texanischen Scharfschützen“ zustande“. Jene Schlussfolgerung kann aber nicht aus der erwähnten Prozentangabe gezogen werden; dies wäre eine Überinterpretation der Daten, da wir in diesem Fall nicht wissen, wie die Zufallserwartung anzusetzen ist. Im übrigen ist die Aussage falsch, "dass nur etwa vier Prozent ihrer konkreten Aussagen stimmen" - in Wirklichkeit sind es *deutlich* mehr als 4 %. Der geringe Wert von 4 % kommt (wie oben erläutert) nur dadurch zustande, dass bewusst nur jene Prognosen selektiert werden, deren Eintreffen von vornherein als eher unwahrscheinlich gilt.

 

Nirgends im gesamten Pressetext der GWUP wird auch nur angedeutet, dass (3) Astrologie heute nur noch von einer kleinen Minderheit im Sinne des Stellens von konkreten Ereignisprognosen praktiziert wird. Dem Leser wird unzutreffend suggeriert, dies sei die übliche Arbeitsweise von heutigen Astrologen. In ähnlicher Weise wird (4) ganz pauschal von „Deutschlands Hellsehern, Wahrsagern und Astrologen“ gesprochen, ohne die geringste Differenzierung. Es gibt (5) keinerlei Verweise auf seriöse Methoden und Studien, mit denen angebliche „hellseherische Fähigkeiten“ in Laborexperimenten untersucht wurden bzw. wie hier der Forschungsstand ist. Schließlich wird (7) in den Raum gestellt, dass Deutschlands „Astrologen, Wahrsager und Hellseher“ jährlich insgesamt 500 Millionen Euro verdienen würden und somit das Klischee bedient, dass Astrologen besonders reich und geschäftstüchtig seien. Die Angabe 500 Millionen Euro ist frei erfunden, entbehrt jeder empirischen Grundlage und hält einer kritischen Prüfung nicht stand.

 

Am Ende Ihrer Presseerklärung warnt die GWUP schließlich noch in Bezug auf die von ihnen pauschal diffamierten Wahrsager, Hellseher und Astrologen vor „übelster Scharlatanerie“. Kritisches Denken ist immer gut, es sollte nur nicht einseitig in eine bestimmte Richtung gehen. In diesem Fall zumindest führt eine nüchterne Analyse der Presserklärung der GWUP zu dem Ergebnis: Die wahren Scharlatane sind die „Skeptiker“ selbst.