Über einige unfaire Umgangsweisen
gegenüber paranormalen Behauptungen
Marcello Truzzi
Der Umgang der Wissenschaft mit unkonventionellen oder außergewöhnlichen Behauptungen hat zunehmende Aufmerksamkeit bei Soziologen und Historikern gefunden. Wissenschaftliche Anomalien haben wissenschaftiche Revolutionen ausgelöst, aber solche Behauptungen hatten gegen Vorurteile innerhalb der Wissenschaft anzukämpfen. Dieser Aufsatz bietet einige verstreute Überlegungen zum Bewertungsprozess, dem Protowissenschaften ausgesetzt sind, die vom wissenschaftlichen Mainstream akzeptiert werden wollen. Meine Intention ist nicht, Partei für die Vertreter von paranormalen Behauptungen zu ergreifen (ich bleibe ein Skeptiker in dem Sinne, wie ich es noch ausführen werde), sondern dazu zu verhelfen, dass sich ein ausgeglicheneres, von mehr Fairness geprägtes Spielfeld entwickelt, das allen Wissenschaftlern zugute kommen kann.
Der Philosoph Paul Feyerabend betonte, dass in einer freien Gesellschaft die Wissenschaft zu wichtig ist, um sie allein den Wissenschaftlern zu überlassen. Ihm ist insofern recht zu geben, als der institutionalisierte, große Wissenschaftsbetrieb zunehmende Eigeninteressen mit sich gebracht hat, von denen einige den wissenschaftlichen Fortschritt selbst bedrohen können. Obwohl uns viele Wissenschaftshistoriker und -philosophen daran erinnern, dass die Wissenschaft ein provisorisches und offenes System bleiben muss, sowohl fehlbar als auch nur zu Wahrscheinlichkeitsaussagen fähig, kann die Wissenschaft - genauso wie andere von Menschen geschaffene Institutionen - Orthodoxien und sogar Dogmas ausbilden.
Der Historiker Thomas Kuhn wies auf die für die Wissenschaft grundlegende Spannung hin, die zwischen dem konservativen Bedürfnis nach Akkumulieren eines geprüften Bestands an Wissen einerseits, sowie dem progressiven Bedürfnis andererseits besteht, aus Theorien und Daten Innovationen abzuleiten, die zu neuen Paradigmen führen können. Ein erfolgreicher Wissenschaftler ist also wie ein Seiltänzer im Zirkus, er vollführt einen Balanceakt zwischen engstirniger Arroganz auf der einen Seite und offenherziger Leichtgläubigkeit auf der anderen Seite. Die Wissenschaft kann zu Fall kommen, wenn sie das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Polen nicht hält.
Ich glaube, dass das Gleichgewicht heute zu sehr in Richtung der Arroganz verschoben ist. Die Entstehung eines neuen und quasi-religiösen Dogmatismus, der üblicherweise Szientismus genannt wird, wurde in den letzten Jahren aus vielerlei Perspektiven untersucht und kritisiert, insbesondere von Tom Sorell, Mary Midgley und Bryan Appleyard. Obwohl einige Kritiker des Szientismus eine anti-wissenschaftliche Haltung einnehmen, brauchen wir nicht so weit zu gehen, um einige gegenwärtige Fehlentwicklungen zu erkennen. Auch wenn einige Postmodernisten und andere Personen grundlegende erkenntnistheoretische Annahmen der Wissenschaft in Frage stellen, gilt meine Beschäftigung hier nur den Debatten, welche Phänomene die Wissenschaft als „real“ anerkennen sollte, speziell sofern es kontrovers diskutierte Behauptungen über Anomalien betrifft. Darunter können angebliche Prozesse wie Außersinnliche Wahrnehmung oder Psychokinese (also Behauptungen der Parawissenschaften) verstanden werden, aber auch angeblich existierende bizarre Wesen oder Objekte wie Bigfoot oder UFOs (also Behauptungen der Kryptowissenschaften). Meine Klage gilt hier nur dem Sachverhalt, dass Wissenschaftler gegen die von ihnen selbst postulierten methodischen Richtlinien verstoßen. Dabei stimme ich mit jenen überein, die Wissenschaft im Kern als eine Methode ansehen und nicht als Überbegriff für die gegenwärtigen konkreten Wissensinhalte.
In der Einführung zu ihrem Buch „No Way: The Nature of the Impossible“ betonten der Mathematiker Philip Davis und der Physiker David Park, dass wir gewisse Vorstellungen darüber haben mögen, was „unmöglich“ ist, wir können dies aber nicht absolut sicher wissen, weil es kein Kriterium für „Unmöglichkeit“ gibt. In Übereinstimmung damit hat schon früher der Philosoph Charles Peirce argumentiert, dass es unsere erste Pflicht sein muss, nichts zu tun, was die Forschung behindern könnte. Nichtsdestotrotz gibt es manche Personen, die behaupten im Namen der Wissenschaft zu sprechen, wenn sie fordern, dass nun ein Schlussstrich unter die Erforschung bestimmter Themen gezogen werde müsse. Obwohl Wissenschaft nur sagen kann, dass außergewöhnliche Behauptungen ziemlich unwahrscheinlich sind, tun manche Kritiker so, als ob wir bestimmte Ereignisse von vornherein als unmöglich ansehen könnten, weshalb entsprechende Untersuchungen überflüssig seien. Solche Verteidiger des Status quo treten oft durch Lächerlichmachung und sarkastische Rhetorik hervor, die im normalen wissenschaftlichen Diskurs als unzivilisiert angesehen wird. Die Wissenschaftssoziologen Harry Collins und Trevor Pinch gingen so weit, derartige Aktivitäten als „vigilantism“ zu charakterisieren, als eine Aktivität von selbsternannten Aufpassern und Wächtern der Wissenschaft.
Solche Verteidigungsversuche der Orthodoxie sind nicht überraschend, sie gründen für gewöhnlich in dem ehrenwerten Bestreben, zu vermeiden, dass etwas irrtümlich als gegeben angenommen wird, was tatsächlich aber nicht so ist (also das, was Statistiker einen Fehler 1. Ordnung nennen). Dieser Fehler kommt auch sehr schön in dem Sprichwort „Es ist nicht alles Gold was glänzt“ zum Ausdruck. Vertreter von esoterischen Behauptungen sind aber oft mehr darum besorgt, zu vermeiden, dass etwas irrtümlich als nicht existent angenommen wird, obwohl es tatsächlich real ist (also das, was Statistiker einen Fehler 2. Ordnung nennen). Diese Haltung manifestiert sich in dem Sprichwort „Man soll das Kind nicht mit dem Bade ausschütten“.
Diese beiden gegenläufigen Fehlermöglichkeiten - und unser Bedürfnis, einen Weg zu finden, der beide Arten von Fehlern vermeidet - konstituieren auch das von Kuhn beschriebene grundsätzliche Spannungsverhältnis in der Wissenschaft. Ein Großteil der Meinungsverschiedenheiten zwischen wissenschaftlichen Vertretern und Kritikern außergewöhnlicher Behauptungen dürfte meines Erachtens darin begründet liegen, dass diese beiden Arten von Fehlern als unterschiedlich gefährlich eingeschätzt werden. Das chinesische Schriftzeichen für „Krise“ besteht aus einer Zusammenziehung der beiden Symbole für „Gefahr“ einerseits und „Chance“ andererseits. So steht es auch um die Krise eines Paradigmas, die inhärent in einer außergewöhnlichen wissenschaftlichen Behauptung enthalten ist und sich für gewöhnlich manifestiert in einer behaupteten Anomalie (= ein Faktum, für das eine Theorie gesucht wird). Die Konservativen in der Wissenschaft nehmen Anomalien typischerweise als Gefahr (und Bedrohung für die gegenwärtig akzeptierten Theorien) wahr, wohingegen progressive Wissenschaftler (und die Vertreter von solchen Behauptungen) Anomalien als „Chancen“ sehen, die zu theoretischen Modifikation anregen.
Wenn sich konservative Wissenschaft gegen die Bedrohung durch Anomalien wehrt, mag sie sich selbst mit exzessivem Eifer verteidigen. Dies kann so weit gehen, dass einige organisierte Kritiker von Anomalien sogar als Träger einer „Neuen Inquisition“ charakterisiert wurden, die die Häretiker, also Ketzer, gegen die wissenschaftliche Orthodoxie vernichten wollen. Ironischerweise hat Isaac Asimov, der selbst ein prominenter Kritiker vieler behaupteter Anomalien war, die Unterscheidung zwischen „Exohäretikern“ (d.h. Personen außerhalb der jeweiligen professionellen Forschungsgemeinschaft) und „Endohäretikern“ (d.h. Fachkollegen der jeweiligen Disziplin) eingeführt. Endohäretiker werden für gewöhnlich höflicher behandelt als Exohäretiker. Wie mir auffiel, wird deshalb ein Endohäretiker tendenziell eher als „komischer Kauz“ (also ein noch relativ liebenswürdiger Ausdruck) bezeichnet, der „Irrtümern“ unterliege, wohingegen Exohäretiker offen als „Spinner“ bezeichnet und des „Betrugs“ bezichtigt werden. Die am stärksten verurteilenden Begriffe wie „Pseudowissenschaft“ und „pathologisch“ werden tendenziell den Behauptungen und Methoden von Exohäretikern zugeschrieben.
In ihrem Bemühen, behauptete Anomalien zu diskreditieren, bezeichnen sie Kritiker oft als „Wunder“. Jede Beziehung zu früheren religiösen oder heutigen okkulten Vorstellungen wird genutzt, um die Anomalien mit Begriffen wie „übernatürlich“ oder „magisch“ zu charakterisieren. Das ist insbesondere deshalb unglücklich, weil Begriffe wie „paranormal“ ursprünglich deshalb eingeführt wurden, um das „Übernatürliche“ auf etwas „Natürliches“ zu reduzieren. Protowissenschaftliche Vertreter paranormaler Behauptungen betonen, dass das „Paranormale“ ein Teil der natürlichen Ordnung ist und aus Anomalien besteht, die wissenschaftlich untersucht und möglicherweise auch verifiziert werden können. Während Theologen diesen Unterschied zwischen dem „Übernatürlichen“ und dem „Paranormalen“ erkannt haben, werfen viele „wissenschaftliche“ Kritiker beides kurzum als „transzendentalen Unsinn“ durcheinander. Deshalb berufen sich auch viele Kritiker des Paranormalen zu Unrecht auf David Humes berühmtes Argument gegen die Existenz von Wundern, solange sie es nur mit paranormalen Behauptungen zu tun haben. Tatsächlich hat Hume sehr wohl zwischen bloßen außergewöhnlichen Behauptungen und Wundern unterschieden. (Bei letzteren muss ein göttlicher Wille sowie eine Aufhebung der Naturgesetze in Erscheinung treten.) Die meisten Kritiker des Paranormalen scheinen die extrem umfassende Literatur überhaupt nicht zu kennen, die sich der Unterscheidung zwischen „Rätselhaftem“ („marvels“) und „Wundern“ („miracles“) gewidmet hat. Eine bedeutende praktische Konsequenz dieser begrifflichen Konfusion ist der fälschlich erweckte Eindruck, Anomalien könnten zu großen Teilen schon a priori verworfen werden, so dass weitere Untersuchungen nicht mehr notwendig seien. Eine solche Rhetorik behindert die Forschung.
Wie der Psychologe Ray Hyman bemerkte, dürften viele Wissenschaftler mehr daran interessiert sein, außergewöhnliche Behauptungen zu diskreditieren als sie zu widerlegen. Dies kann zu zweifelhafter Gelehrsamkeit und zu Methoden jenseits der üblichen professionellen Standard führen, ebenso zu Angriffen ad hominem und anderen rhetorischen Tricks, anstatt zu einer sorgfältigen und gründlichen Falsifikation. Hyman bemerkte, dass es zudem dazu führen könne, so genannte „hit men“ zu engagieren, also Nicht-Wissenschaftler wie Journalisten und sogar Zauberkünstler, um die Behauptungen zu diskreditieren. Solche Nicht-Wissenschaftler haben argumentiert, dass es notwendig sei, „to fight fire with fire“, also auf einem emotionalen Niveau zurückzuschlagen; dass ein „herzhaftes Lachen“ tausendmal mehr erreiche als Argumente und Belege. Es sind solche Aktionen, die das konstituieren, was man „pathologische Wissenschaft“ nennt. Als Philosoph formulierte es Mario Bunge, der selbst ein Kritiker des Paranormalen ist, so: „Der gelegentliche Druck, etwas Abweichendes im Namen der augenblicklichen Orthodoxie zu unterdrücken, ist viel gefährlicher für die Wissenschaft als alle Formen der Pseudowissenschaft zusammen.“
Der vielleicht heimtückischste rhetorische Trick war es, mit dem Begriff „Skeptiker“ irreführend jene zu bezeichnen, die tatsächlich Spötter sind. Wie der Soziologe Robert Merton betont hat, ist der organisierte Skeptizismus eine grundlegende Norm in der Wissenschaft. Der Begriff Skeptizismus ist dabei aber angemessen mit „zweifeln“ umschrieben, nicht mit „verneinen“. Es handelt sich um eine agnostische Position, den Glauben auszusetzen, nicht ihn zu verwerfen. Der wahre Skeptiker, ein Zweifler, vertritt keine Behauptung, deshalb trägt er auch keine Beleglast. Der Spötter dagegen, ein Bestreiter, vertritt eine negative Behauptung, deshalb hat er die gleiche Beleglast zu tragen, die in der Wissenschaft von jedem Behaupter gefordert wird. Wenn Spötter ihre Position fälschlicherweise als die eines besonders „harten“ Skeptizismus ausgeben, versuchen sie in Wirklichkeit, sich der Beleglast zu entledigen, die sie für ihre negative Position zu tragen haben.
Die vielleicht größte Verwirrung im Zusammenhang mit der notwendigen Unterscheidung zwischen Skeptikern und Spöttern betrifft die unterschiedliche Reaktion, wenn der Versuch eines Vertreters einer Anomalie scheitert, diese zu belegen. Die Einstellung des Skeptikers gegenüber außergewöhnlichen Behauptungen (z.B. jene der Parapsychologie), sofern ihre Vertreter bisher nur unzureichende Belege aufbringen konnten, um die meisten Wissenschaftler von der Richtigkeit ihrer Hypothese einer Anomalie zu überzeugen, ist die, dass die Anlegenheit nicht (zureichend) belegt ist. Ein Skeptiker hält gleichzeitig fest, dass das Fehlen eines Belegs aber kein Beleg für die Nicht-Existenz des Phänomens ist („absence of evidence is not evidence of absence“). Der Spötter dagegen sieht das Scheitern des Anomalie-Vertreters als Beleg dafür an, dass die behauptete Anomalie widerlegt wurde. Die Sichtweise des Spötters tendiert dazu - wie bei den meisten Dogmatikern - nur Schwarz und Weiß zu unterscheiden und die grauen Schattierungen dazwischen nicht zu würdigen. (Unser Justizsystem mag auch zu dichotom sein. So folgerten in einem ähnlichen Fehlschluss einige Leute aus dem Freispruch O.J. Simpsons von der Mord-Anklage, dass dies bedeute, er sei unschuldig, obwohl er tatsächlich nur nicht als schuldig befunden wurde. Die Wissenschaft dürfte mit dem schottischen Recht besser beraten sein, das drei mögliche Urteilssprüche vorsieht: schuldig, unschuldig sowie nicht bewiesen.)
Spötter zeigen eine ähnliche Kurzsichtigkeit, wenn es um die Belege selbst geht. Oft hört man Aussagen der Art, dass es „keine Belege für diese Behauptung“ gebe, obwohl tatsächlich nur keine zureichenden Belege vorgelegt wurden. Belege sind immer eine Sache des Grades, manche davon sind nur sehr schwach. Aber selbst schwache Belege können kumulieren (wie sich in Meta-Analysen zeigt) und ein stärkeres Argument sein. Schwache Belege (in der Regel anekdotische Berichte statt systematischer Experimente) werden oft vollständig verworfen mit der Begründung, sie erreichten nicht die Schwelle, ab der die Wissenschaft etwas überhaupt als Beleg ansehen sollte. Dies würde natürlich auch die Evidenz-Basis vieler Studien in der klinischen Medizin und den Sozialwissenschaften betreffen, aber dies scheint Spötter, die solche Kriterien aufstellen, nicht aufzuregen.
Wenn die Vertreter von Anomalien stärkere Belege vorweisen, haben Kritiker zuweilen die Ziellinie immer weiter verschoben. Das wird besonders deutlich im Fall der Parapsychologie. Um Wissenschaftler von dem zu überzeugen, was bis dahin nur durch weit verbreitete aber schwache anekdotische Belege gestützt wurde, führten Parapsychologen ihre Untersuchungen unter Laborbedingungen durch. Als die Ergebnisse der Laborexperimente vorlagen, wurde deren Design kritisiert. Als das Design entsprechend verbessert wurde, erhob sich die Forderung nach „betrugssicheren“ oder „definitiven“ Experimenten. Als solche vorlagen, forderte man Replikationen. Als diese vorgewiesen wurden, argumentierten die Kritiker, neue andere Fehlerquellen (wie z.B. die selektive Publikation von Studien mit positivem Ergebnis) könnten dahinter stecken. Als Meta-Analysen vorgelegt wurden, um diesen Einwand zu entkräften, hieß es nun, auch Meta-Analysen seien umstritten und es wurde erklärt, eine bessere Abkürzung für ESP („Extra-Sensory Perception“) sei wohl „Error Some Place“, so Ray Hyman. In einem Fall erklärte der Spötter, als er überhaupt keine Gegen-Erklärungen mehr finden konnte, die Resultate seien ja „bloß eine Anomalie“, die man nicht weiter ernst nehmen müsse. Die Ziellinie ist nun schon so weit verschoben, dass einige Kritiker Positionen bezogen haben, die nicht mehr falsifizierbar sind.
Spötter sind in der Regel schnell, gute und ausgefeilte Methoden zu fordern, wenn es um außergewöhnliche Behauptungen geht, auf Replikationen, Kontrollgruppen, Doppelblind-Experimenten und dem Prinzip der Sparsamkeit bei den Annahmen (Ockhams Razor) zu bestehen. Sie schreiben oft über verschiedene Täuschungen, denen die Vertreter des Paranormalen aufgesessen seien. Dabei vergessen sie aber, dass die selbe methodische Strenge auch in vielen Gebieten angesagt wäre, die sie selbst verteidigen. Während die Alternativmedizin vom Tisch gefegt wird, weil sie ihre Thesen nicht in gut kontrollierten Experimenten demonstrieren kann, ignorieren sie, dass solche Experimente auch in vielen Gebieten der orthodoxen Medizin (z.B. in der Chirurgie) nicht vorliegen. Spötter brandmarken „esoterische“ Lebensberater, aber es kommt ihnen nicht in den Sinn, kontrollierte Experimente durchzuführen, um Vergleiche mit konventionellen Lebensberatern anzustellen, wie z.B. Psychiater, klinische Psychologen und Sozialarbeiter.
Psychologen, die sich beklagen, dass Ergebnisse in der Parapsychologie nicht gut genug replizierbar seien, scheinen sich über den elenden Grad der Replizierbarkeit in der konventionellen Psychologie gar keine Gedanken zu machen. Sie bemerken auch nicht, dass es seinerseits eine kontrovers diskutierte Frage ist, was denn nun eigentlich als eine „Replikation“ gelten kann und dies - wie Harry Collins gezeigt hat - oft etwas damit zu tun hat, ob eine These vom sozialen Umfeld abgelehnt wird.
Astronomen, die neuzeitliche Formen der Astrologie attackieren, scheint es nicht weiter zu rühren, dass viele augenblickliche Moden in ihren eigenen kosmologischen Modellen nicht falsifizierbar sind, sie scheinen auch vergessen zu haben, dass das Konzept der Gravitation einmal von Newtons Kollegen abgelehnt wurde, weil über solche Entfernungen keine Kraft wirksam sein könne.
Spötter scheinen von einer Einheit aller Wissenschaften auszugehen und vergessen dabei, dass es in der Geschichte viele Unvereinbarkeiten zwischen wissenschaftlichen Disziplinen gab, z.B. als der Physiker Lord Kelvin mit damals sehr vernünftigen Argumenten Darwins Evolutionstheorie zurückwies, da die Sonne nicht alt genug sei, um ausreichend Zeit für Evolutionsprozesse zu haben (die Kernfusion war damals noch nicht bekannt).
Das Prinzip der Sparsamkeit bei den Annahmen sagt aus, dass die einfachste zur Erklärung ausreichende Theorie vorzuziehen sei. Wie aber z.B. Mario Bunge gezeigt hat, ist das Konzept „Einfachheit“ selbst gar nicht so einfach. Zudem ist es ja in der Regel gerade der umstrittene Punkt, ob sich eine außergewöhnliche Behauptung wirklich ausreichend mit konventionellen Erklärungen abdecken lässt. Sich auf „Einfachheit“ zu berufen, kann so zuweilen die relevante Frage verschleiern.
Wenn Wissenschaftler, die Spötter sind, paranormale Behauptungen kritisieren, halten sie in der Regel nicht die selben professionellen Standards ein, die von ihnen in ihrer eigenen Disziplin erwartet werden. Dies wird insbesondere dann offensichtlich, wenn man ihre Lobpreisungen für Artikel untersucht, in denen von Experimenten zu paranormalen Behauptungen berichtet wird, die negative Ergebnisse erbrachten. Einige dieser Artikel enthalten recht fragwürdige Methoden und Schlussfolgerungen und hätten nie einen wissenschaftlichen Begutachtungsprozess überstanden, wären ihre Ergebnisse positiv gewesen.
In
seinem berühmten Essay über „Wunder“ schrieb 1748 der große Skeptiker
David Hume: „A wise man ... proportions his belief to the evidence“. Und zu Berichten über außergewöhnliche Behauptungen schrieb er: „the
evidence, resulting from the testimony, admits of a diminution, greater or less,
in proportion as the fact is more unusual“.
In einem Gerichtsprozess hat die Anklage die Beweislast zu tragen. Im Urteilsfindungsprozess der Wissenschaft wird die Beleglast dem Verteidiger der devianten, also von der konventionellen Meinung abweichenden, wissenschaftlichen Behauptung auferlegt. Während vor Gericht der Beklagte so lange als unschuldig eingestuft wird bis seine Schuld erwiesen ist, ist es in der Wissenschaft so, dass der von der orthodoxen Meinung abweichende Wissenschaftler so lange als „schuldig“ angesehen wird (nämlich einen Fehler begangen zu haben), bis seine „Unschuld“ erwiesen ist. Das ist auch sinnvoll so, weil die Wissenschaft im Grundsatz konservativ sein muss, um nicht von Millionen Möchtegern-„Wissenschaftlern“ überwältigt und durchdrungen zu werden. Aber es ist wichtig sich zu vergegenwärtigen, dass der Vertreter einer paranormalen Behauptung sich von Beginn an einen steilen Hügel hinauf kämpfen muss. Er muss viele gegen ihn errichtete Stacheldrahtzäune überwinden, so dass sein Angriff auf den Betrieb der Wissenschaft nicht derart bedrohlich ist, wie es Spötter oft darstellen. In gewisser Weise hat die konservative Wissenschaft „das Recht auf ihrer Seite“.
Im Rechtswesen gibt es drei Schweregrade von Beweisen: (1) Bewiesen durch ein Übergewicht an Belegen, (2) Bewiesen durch klare und überzeugende Belege, (3) Bewiesen jenseits aller vernünftigen Zweifel. In der konventionellen Wissenschaft ist (1) üblich, aber wenn es um außergewöhnliche Behauptungen geht scheinen Kritiker oftmals (3) zu fordern, weil sie verlangen, dass alle Alternativerklärungen ausgeschlossen sein müssen, bevor die unorthodoxe Behauptung akzeptabel sei. Manchmal wird diese Forderung aber unvernünftig und kann die Position des Spötters unfalsifizierbar machen. Da der Vertreter der Anomalie bereits belastet ist durch die Vorannahme „schuldig“ zu sein, scheint es mir, dass (2) der beste zu fordernde Standard ist, obwohl die Vertreter der Anomalie sich zuweilen mit Recht darüber wundern mögen, warum der Standard (1) ihnen immer verweigert werden soll.
Die Probleme, die ich angesprochen habe, sollten nicht nur erkannt und durchdacht werden, sondern wir brauchen auch standardisierte Begriffe für die verschiedenen Niveaus von Belegen, die es für die besten außergewöhnlichen Behauptungen von Protowissenschaftlern gibt. Wissenschaftler sollten gut unterscheiden zwischen außergewöhnlichen Behauptungen, die (a) suggestiv scheinen („suggestive“), d.h. interessant und weiterer Aufmerksamkeit wert sind, aber im allgemeinen eine geringe Priorität haben, (b) eine Herausfordeung darstellen („compelling“), d.h. für die starke positive Belege vorliegen und nach höherer wissenschaftlicher Aufmerksamkeit und größeren Forschungsanstrengungen rufen, (c) überzeugend scheinen („convincing“), d.h. die meisten Wissenschaftler, die die Belege sorgfältig überprüfen, stimmen darin überein, dass es zumindest ein Übergewicht an Belegen zugunsten der Behauptung gibt. Der Gebrauch einer solchen abgestuften Sprache dürfte uns dabei helfen, unsere gegenwärtigen Debatten, die nur Sieger und Verlierer kennen, zu überwinden und zu einem Dialog zwischen Fachkollegen zu kommen, die sich darüber einig sind, dass Wissenschaft eine kluge Sache ist. Wir können alle Sieger sein.
Dieser Text erschien erstmals 1998 in englischer Sprache in "Oxymoron: Annual Thematic Anthology of the Arts and Sciences", Vol. 2, wurde von Edgar Wunder ins Deutsche übersetzt und in dieser Fassung in "Forum Perspektiven" (Ausgabe 4/1999, S. 7-11), dem Newsletter der Gesellschaft für Anomalistik, veröffentlicht. Marcello Truzzi sei für seine Genehmigung der Übersetzung und des Abdrucks gedankt.