Der Kreuzzug gegen das Paranormale

 

Ein Interview mit Marcello Truzzi

 

Marcello Truzzi war Direktor des Instituts für Soziologie an der Eastern Michigan University. 1976 war er Gründungsmitglied der "Skeptiker"-Organisation CSICOP und fungierte als stellvertretender CSICOP-Vorsitzender sowie als Redaktionsleiter der CSICOP-Zeitschrift The Zetetic (die dann in Skeptical Inquirer umbenannt wurde). Doch ein Jahr später, nach einer in der Öffentlichkeit viel beachteten Kontroverse über die Richtung, die die Organisation nehmen sollte, trat Truzzi aus CSICOP aus.

Truzzi wurde 1936 als Angehöriger einer bekannten europäischen Zirkus-Familie in Kopenhagen (Dänemark) geboren. 1961 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Er promovierte an der Cornell University und hat in Fachzeitschriften zahlreiche Aufsätze zur Soziologie, Psychologie, Anthropologie, Folkloreforschung und religiösen Gegenwartskultur veröffentlicht . Er verstarb am 3. Februar 2003.

Das nachfolgende - hier nur gekürzt wiedergegebene - Interview mit Marcello Truzzi wurde 1979 von Jerome Clark und Gordon Melton geführt und in englischer Sprache in der Zeitschrift "Fate" (Vol. 33, No. 9, 70-76, No. 10, 87-94) veröffentlicht. Mit Genehmigung von Marcello Truzzi wurde es 1999 von Edgar Wunder ins Deutsche übersetzt und in "Forum Perspektiven" (Ausgabe 4/1999, S. 13-17), dem Newsletter der Gesellschaft für Anomalistik, abgedruckt.


 

Clark: Teilen Sie die Meinung jener Personen, die meinen, dass das wachsende öffentliche Interesse an paranormalen Behauptungen ein Zeichen dafür ist, dass wir in ein neues Zeitalter des Irrationalismus eintreten?

 

Truzzi:  Nein, ich sehe die so genannte Wiederkehr des Okkulten nicht als einen Rückfall in mittelalterlichen Aberglauben an, nicht als eine Ausbreitung von Irrationalismus oder als einen Angriff auf die Wissenschaft, wie das verschiedene Kritiker bezeichnet haben. Die meisten paranormalen Behauptungen sehe ich als  protowissenschaftlich  an, nicht als anti-wissenschaftlich, weil ich denke, dass die meisten danach streben, wissenschaftlich zu sein.

 

Clark: Viele Kritiker sagen, dass das Interesse an UFOs, Außersinnlicher Wahrnehmung und anderen solchen kontrovers diskutierten Phänomenen - was immer die wissenschaftlichen Ansprüche sind - tatsächlich in einem Mystizismus gründen.  Ist das nicht Ihre Ansicht?

 

Truzzi:  Sicherlich sehen viele Menschen die Dinge durch eine mystische Brille, aber es ist nicht richtig, dass dies auf alle zuträfe, die sich für unorthodoxe Behauptungen interessieren. Es gibt zum Beispiel protowissenschaftliche Gruppen, die nach einer wirklich wissenschaftlichen Behandlung des UFO-Themas streben. Sie machen Aussagen, die für Untersuchungen und Begründungen genauso zugänglich sind wie jede andere wissenschaftliche Aussage. Allen Hynek’s Center for UFO Studies ist m.E. eine der Gruppen, die einen solchen Ansatz repräsentieren.

Am anderen Ende des Spektrums finden sich Leute, die auf einem Berggipfel auf die Engel des Herrn warten. Dies repräsentiert natürlich eine mystische Reaktion auf die Vorstellung von UFOs. Ein Mensch wie Hynek hat damit überhaupt nichts zu tun, genauso wenig wie jene Menschen mit Hynek.

Dieses Grundproblem gibt es genauso bei anderen Themenbereichen. Zum Beispiel betreiben einige Personen, die sich selbst als Parapsychologen bezeichnen, nicht im geringsten eine seriöse wissenschaftliche Forschung. Sie mögen nur diese Bezeichnung:  für sie steht der Begriff für jemanden, der sich für merkwürdige Dinge interessiert. Da es keine Diplome für Parapsychologie gibt, kann sich jeder so nennen. Aus diesem Grund wollen sich einige der wirklichen Parapsychologen, Mitglieder der Parapsychological Association, selbst nicht länger Parapsychologen nennen. Sie sind es leid, mit zweifelhaften Schreiberlingen und Scharlatanen verwechselt zu werden.

In der Astrologie sind Michel Gauquelins protowissenschaftliche Thesen über kosmobiologische Korrelationen etwas völlig anderes im Vergleich zu Leuten, die erzählen, Mars - der rote Planet - symbolisiere Blut und sein Auftreten im Horoskop mache ein Individuum kampfeslustig.

 

Melton: Wenn wir seinen Gründern glauben, dann wurde CSICOP ins Leben gerufen, um eine „wachsende Flut des Irrationalismus“ zu bekämpfen. War das der wirkliche Grund für die Bildung von CSICOP?

 

Truzzi:  Das war einer der Gründe. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass die Wurzeln von CSICOP ziemlich verworren sind. Paul Kurtz, der Herausgeber der Zeitschrift The Humanist, hatte ein Manifest gegen die Astrologie verfasst und 186 Wissenschaftler und Akademiker, die alle Experten dafür sein wollten, zur Unterzeichnung überredet. Das Manifest erklärte, dass Astrologie keine wissenschaftliche Basis habe und versicherte - fälschlicherweise - dass es keine wissenschaftliche Forschung zu Gunsten der Astrologie gebe.

Das Manifest rief ein enormes Medienecho hervor, so dass Kurtz und einige seiner Kollegen auf die Idee kamen, eine Organisation zu gründen, um dem zu begegnen, was sie als eine explosionsartige Verbreitung irrationaler, anti-wissenschaftlicher Vorstellungen ansahen. Kurtz kontaktierte daraufhin eine große Zahl von Leuten, unter anderem auch mich.

Schon früher hatte ich ihm erzählt, dass im Jahr davor Martin Gardner, James Randi, Ray Hyman und ich die Bildung einer Gruppe diskutiert hatten, die wir „Resources for the Scientific Evaluation of the Paranormal“ nennen wollten. Sie sollte mehr der Evaluation von Behauptungen als zu deren Untersuchung dienen. Wir dachten darüber nach, meinen Newsletter The Zetetic, der sich mit akademischer Forschung zu okkulten Glaubenssystemen befasste, zu einer Zeitschrift auszubauen, die Studienmaterial für Lehrer und andere Personen enthalten sollte, die nicht wussten, was der Forschungsstand war. Damit meine ich nicht nur negative Ergebnisse zu Ungunsten von paranormalen Behauptungen, sondern alle Ergebnisse, auch historische, soziologische, psychologische Fakten usw. Dabei gingen wir allerdings von der Annahme aus (die m.E. wohl alle ernsthaften Vertreter paranormaler Behauptungen teilen dürften), dass 90 Prozent jener „okkulten Welle“ aus intellektuellem und wissenschaftlichem Müll besteht. Wir erachteten es als wichtig, dass Menschen zuverlässige Informationen bekommen können, auf deren Grundlage sie sich dann ihr eigenes Urteil bilden können.

Als ich jedenfalls Paul Kurtz davon erzählte, bat er mich um die zurückliegenden Ausgaben des Zetetic, von dem er bis dahin nie gehört hatte. Das nächste Ereignis, an das ich mich erinnere, war, dass er mich bat, der stellvertretende Vorsitzende der neu zu gründenden Organisation zu werden und deren Zeitschrift herauszugeben. Offensichtlich hielt er damals meine spezielle Erfahrung und wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Themenkreis für fundierter als seine. Andernfalls wüsste ich nicht, warum er mich gebeten haben sollte, stellvertretender Vorsitzender zu werden.

Ich sagte ihm, dass ich schwere Bedenken gegenüber dem in seiner Zeitschrift The Humanist veröffentlichtem anti-astrologischen Manifest hätte - nicht weil ich an Astrologie glaube, sondern weil ich das im Manifest hervortretende autoritäre Gehabe als unangemessen empfand, mit dem Problem umzugehen. Ich unterstrich, dass auch andere Personen meine Ansicht teilten. Carl Sagan zum Beispiel schrieb an den Humanist einen Leserbrief, warum er nicht bereit war, das Manifest zu unterzeichnen.

So teilte ich Paul mein Bedenken und Bestreben mit, dass die neue Organisation auf Wahrheitssuche hin ausgerichtet sein solle - und nicht auf „debunking“, also die Widerlegung und Bekämpfung paranormaler Behauptungen. Weil Paul Kurtz ein humanistisch orientierter Philosoph war, war ich sicher, dass er meine Bedenken in dieser Angelegenheit berücksichtigen würde. Er schien dem zugeneigt und stellte klar, dass CSICOP etwas anderes sein werde als die Zeitschrift The Humanist, dass jenes Magazin CSICOP in der Gründungsphase nur fördere, dass wir bald als unabhängige Organisation anerkannt sein würden, wir ein breites Mitgliederspektrum haben würden usw.

 

Clark: Aber zu diesem Zeitpunkt sponserte die American Humanist Association (AHA), also die Organisation der Atheisten in den USA, das zu gründende CSICOP?

 

Truzzi:  Ja, AHA war damals der Patron, die finanzielle Unterstützung war aber nur vorübergehend. Es war vorgesehen, dass wir schon bald unabhängig werden sollten. Wie ich Paul gegenüber bemerkte, bin ich kein Humanist, weil ich nicht an Möglichkeit einer wirklich rational begründbaren Ethik glaube. Ich nahm auch an, dass andere Leute, die CSICOP beitreten sollten, nach aller Wahrscheinlichkeit keine Humanisten waren.

Sofort nachdem CSICOP gegründet war wurden wir mit dem anstehenden Problem der Zusammensetzung der Mitgliedschaft konfrontiert. Ursprünglich favorisierte ich eine Kernmannschaft vertrauenswürdiger Wissenschaftler als Vertreter von CSICOP, die  überwiegend skeptisch sein sollten - nicht weil ich Unglauben oder dogmatische Ablehnung des Okkulten vorschreiben wollte, sondern weil Skeptizismus gegenüber außergewöhnlichen Behauptungen der Wissenschaft gut ansteht.

 

Clark:  In einem Brief an Theodore Rockwell, einen der ersten und entschiedensten Kritiker von CSICOP, schrieb das CSICOP-Vorstandsmitglied Dennis Rawlins, dass Sie „Esoterik-Anhänger“ aufnehmen wollten, weil ihr Mitgliedsbeitrag so gut wie jeder andere sei.

 

Truzzi:  Dennis beharrt darauf, dass dies das war, was ich sagte. Ich mag so etwas Ähnliches gesagt haben, aber nicht auf diese Weise, wie es Dennis darstellt.

Was ich vorgeschlagen habe war, dass wir ein breites Personenspektrum als Mitglieder von CSICOP haben sollten. Eine Reihe von Personen, die bei meinem Newsletter mitarbeiteten, waren Menschen, die ich als hochgradig seriöse und vertrauenswürdige Vertreter von paranormalen Behauptungen einschätzte. Ich hatte großen Respekt vor ihnen, auch wenn ich in inhaltlichen Fragen nicht mit ihnen übereinstimmte. Ich wollte sie als Mitglieder, weil sie enorm gute Quellen von nützlicher Information sind. Gordon Melton ist ein gutes Beispiel dafür.

Weiterhin unterstrich ich gegenüber den CSICOP-Mitgliedern, die am meisten skeptisch waren, dass eine Person, die an X glaubt, gegenüber den Behauptungen Y und Z durchaus skeptisch sein kann. Tatsächlich bemerke ich oft, dass die besten Widerlegungen bestimmter Behauptungen von Personen stammen, die selbst Anhänger solcher Thesen sind, aber eine andere Person in der Disziplin nicht ausstehen können. Der beste Weg, etwas über schlechte Hexen zu erfahren, ist es, sich mit anderen Hexen zu unterhalten. Und man lernt am besten etwas über schlechte Astrologen, indem man mit anderen Astrologen redet. Es scheint deshalb widersinnig, solche Leute aus der Betrachtung auszublenden.

Kurtz und sein Gefolge waren, nicht anders als ich, darauf bedacht, eine im Grundsatz skeptische wissenschaftliche Organisation zu schaffen. Ich muss nochmals betonen, dass ich mit „skeptisch“ nicht die Verneinung bestimmter Behauptungen meine. Das ist eine wichtige Unterscheidung, die leider außer Sicht geriet. Dogmatische Verneinung und Skeptizismus sind nicht das gleiche. Die meisten Parapsychologen, die ich kenne, bezeichnen sich selbst als „skeptisch“.

Ich wollte ein breites Mitgliederspektrum, um einige mögliche Probleme zu vermeiden. Meiner Auffassung nach sollten wir Mitglieder („Fellows“) haben, die die Kontrolle ausüben: über die Finanzen, die Satzung, die Zeitschrift usw.  Auch schlug ich vor, dass wir zusätzlich assoziierte Mitglieder führen, die zwar kein Stimmrecht hätten und nicht direkt an den Entscheidungsprozessen partizipieren, die aber bestimmte Vergünstigungen erhalten könnten.

 

Melton:  Aber offensichtlich entschied man sich gegen ihre Vorstellungen.

 

Truzzi:  Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die Satzung noch nicht ausgearbeitet. Wir kündigten die Gründung der Organisation im Rahmen eines Seminars über Pseudowissenschaften an, das Paul bei einer Humanisten-Konferenz in Buffalo anbot. Zwei Monate später wurde auf einer Sitzung des aus 8 Personen bestehenden Vorstands („executive council“) mein Vorschlag abgelehnt. Insbesondere Martin Gardner, Dennis Rawlins und James Randi wiesen ihn heftig zurück, indem sie argumentierten, die „Pro-Leute“ (bezüglich des Paranormalen)  würden als Mitglieder mehr Schwierigkeiten bereiten als Vorteile bringen.

Ich war enttäuscht, akzeptierte aber die Entscheidung. Optimistisch stimmte mich, dass wir bald vom Humanist unabhängig werden sollten. Bei der Ausarbeitung der schriftlich fixierten Ziele von CSICOP hatte ich eine maßgebliche Rolle gespielt - und mit diesen Zielen konnte ich leben. Als ich dann beauftragt wurde, die erste Ausgabe der von CSICOP herausgegebenen Zeitschrift zusammenzustellen, nahm ich diese ausformulierten Ziele als meine Leitlinie, denn ich glaubte, sie würden auch den wahren Absichten der Gruppe entsprechen.

Nun, die Schwierigkeiten begannen mit der ersten Ausgabe des The Zetetic, wie wir die Zeitschrift nannten. Ich hatte Ron Westrum, einen Soziologieprofessor und Kollegen von mir an der Eastern Michigan University, gebeten, einen Artikel als Reaktion auf das anti-astrologische Manifest zu schreiben. Mir war bekannt, dass er das Manifest negativ beurteilte, nicht anders als ich auch. Eine Kopie seines Artikels sandte ich an Paul, damit er informiert war. Als von ihm keine Reaktion kam, nahm ich an, die Angelegenheit sei in Ordnung.

Meiner Ansicht nach war Ron Westrums Aufsatz wichtig, weil er demonstrierte, dass wir selbstkritisch sind. Da CSICOP bereits von einigen Personen kritisiert wurde und ich darauf hingewiesen hatte, dass man die erste Ausgabe der Zeitschrift abwarten solle, schien es mir aus psychologischer Sicht wichtig, dass dieser Artikel der erste im Heft sein sollte.

Sechs Wochen später, kurz bevor die Zeitschrift erscheinen sollte, bekam ich einen entsetzten Telefonanruf von Paul, der offensichtlich Westrums Artikel erst gerade eben gelesen hatte. Er war verärgert, weil der Humanist die Entstehung des Zetetic gefördert hatte und nun der erste Artikel in der ersten Ausgabe der Zeitschrift ein Projekt des Humanist kritisieren sollte. Es sei so, als ob man die Hand beiße, von der man gefüttert wird. Darin musste ich ihm zustimmen.

Paul drängte mich zwar nicht dazu, den Artikel ganz aus dem Heft zu nehmen, aber er bestand darauf, dass er in der gleichen Ausgabe erwidern könne und beides weiter hinten im Heft zu erscheinen habe. So geschah es dann auch.

Ich glaube, an diesem Punkt wurden die unterschiedlichen Auffassungen von Paul und mir offensichtlicher, weil es nun klar war, dass wir uns in etwas unterschieden, das Konsequenzen hat. Womöglich wurde ich als eine Art heimlicher Okkultist verdächtigt. In ihren Augen war mein Umgang mit esoterischen Behauptungen zu nachsichtig und wohlwollend.

Als ich die zweite Ausgabe der Zeitschrift vorbereitete, hatte ich das Gefühl, dass alle zufrieden sein sollten. Der Stil der Zeitschrift war offensichtlich skeptisch, nicht nur in meinem Verständnis, sondern auch für Paul. Als wir im August 1977 zu einer von uns veranstalteten Pressekonferenz in New York zusammen kamen, nahm ich an, dass nun alle erleichtert wären, dass ich kein heimlicher Okkultist war, sondern nur versuchte, fair zu sein.

Zu meiner Überraschung kam es aber auf der nachfolgenden Vorstandssitzung zu einer ganzen Reihe von Problemen.  Das erste betraf meine Funktion als stellvertretender CSICOP-Vorsitzender. Ich war unglücklich darüber, dass Paul auf der unmittelbar vorhergehenden Pressekonferenz eine Pressemitteilung über eine „Flut des Irrationalismus und der Pseudowissenschaft“ verbreitet hatte. Sie war im gleichen Stil verfasst wie die im Humanist veröffentlichten Kampfschriften, diesmal aber im Namen von CSICOP. Er hatte dies nicht mit mir abgesprochen, wusste aber, dass ich hier anderer Meinung war als er. Nicht nur privat anderer Meinung, sondern ich hatte in zahlreichen meiner Veröffentlichungen deutlich Positionen vertreten, die dem was Paul verbreitete, diametral widersprachen. Vieles was in der Pressemitteilung stand war zudem faktisch falsch, nicht zuletzt soziologisch. Man könnte genauso gut Winston Churchill mit dem Aufstieg des Okkultismus in England in Verbindung bringen, wie Hitler mit dem Aufstieg des Okkultismus in Deutschland. Es ist absurd zu behaupten, Okkultismus führe zu Faschismus - der Zusammenhang ist nicht so einfach.

So beklagte ich mich darüber, dass ich schwer der stellvertretende Vorsitzende bleiben kann, wenn niemand mit mir zusammen arbeitet. Ich bat darum, mir in einer Abstimmung das Vertrauen auszusprechen und kündigte an, dass ich als stellvertretender Vorsitzender zurücktreten werde, wenn dafür keine Mehrheit vorhanden sei. Die Reaktion waren einige warmherzige Kommentare, aber kein Vertrauensbescheid. Also trat ich zurück.

Das zweite Problem betraf die Zeitschrift. Readers’ Digest hatte kurz zuvor einen die Parapsychologie positiv behandelnden Artikel veröffentlicht, was die CSICOP-Funktionäre empörte. Sie sagten: „Schau dir die Millionen und Abermillionen Leute an, die dieser Artikel erreicht! Wir erreichen nur ein paar tausend Leute. Sie sind am Zeitungskiosk und wir nicht!“.

Diese Reaktion schien mir etwas eigentümlich, obwohl ich natürlich schon immer gewusst hatte, dass einige meiner CSICOP-Kollegen eine extrem feindselige Gesinnung gegenüber paranormalen Behauptungen hatten. Aber ich hielt das damals für nicht all zu schlimm, weil ich immer noch annahm, dass CSICOP - sogar dem Vorstand - zum Ausgleich auch offenere und weniger dogmatische Personen angehören würden. Nun aber forderten sie, dass die Zeitschrift zu einem populärwissenschaftlichen Magazin umgestaltet werden müsse, das „härter“ und aggressiver ausgerichtet sein solle („hart-hitting“), d.h. negativer gegenüber paranormalen Behauptungen, mehr „debunking“ sei gefragt.

Ich sagte ihnen, dass ich als Redakteur die Zeitschrift so nicht gestalten würde. In meinen Augen sollte der Zetetic eine verantwortungsbewusste Publikation auf fachwissenschaftlichem Niveau sein. Schließlich wurde ich für diese Arbeit nicht bezahlt, es war eine Freizeitbeschäftigung - ich sah keinen Sinn darin, etwas zu tun, was ich gar nicht wollte. So versuchte ich sie zu überreden, zwei Zeitschriften herauszugeben, eine populär, die andere wissenschaftlich ausgerichtet.

Doch die Mehrheit hielt nichts von meiner Idee. Sie mochten es auch nicht, als ich erklärte, dass ich nichts mit Aktionen zu tun habe wolle, die auf „debunking“ zielen. Ich informierte, dass ich als Redakteur der Zeitschrift zurücktreten werde, wenn sie sich so entscheiden würden. Sie entschieden sich so, ich trat zurück. Trotz dieser beiden Rücktritte blieb ich aber nach wie vor Mitglied des Vorstands und wurde auch so geführt.

Als ich meine zwei Funktionen bei CSICOP niedergelegt hatte, erklärte ich meine Hoffnung, dann in Eigenregie eine wissenschaftliche Zeitschrift zu diesem Themenbereich herauszugeben. Denn meines Erachtens wurde eine solche gebraucht, tatsächlich war dies einer meiner Gründe, warum ich überhaupt Mitglied bei CSICOP geworden war. Die meisten Mitglieder des Vorstands sagten mir, dass sie das für eine gute Idee hielten, wünschten mir viel Glück dabei, einige boten auch ihre Unterstützung an. Das freute mich.

Als ich wieder zu Hause war, schrieb ich Paul einen Brief, in dem ich darum bat, mir den Versandverteiler des Zetetic zu übermitteln, weil ich versuchen wollte, einen Verlag zu überzeugen, eine solche wissenschaftliche Zeitschrift in ihr Programm aufzunehmen. Da CSICOP eine solche Zeitschrift nicht selbst herausgeben wollte, nahm ich an, dass sie mich dabei gerne unterstützen würden. Die Sache hätte CSICOP nichts gekostet und ein Verlag wäre vermutlich bereit gewesen, eine Zeitschrift, für die bereits 2000 potentielle Bezieher bekannt waren - dies war die Zahl der Personen auf der CSICOP-Adressenliste - zu starten.

Paul sandte daraufhin einen Stimmzettel an alle Vorstandsmitglieder, zusammen mit einem Begleitbrief, in dem er ausführte, warum er empfahl, sich gegen eine Herausgabe der Adressenliste auszusprechen:  weil die Zeitschrift eine Konkurrenz sein würde usw.

Die Höhe war, dass ich selbst weder einen Stimmzettel noch den Begleitbrief erhielt, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt nach wie vor stimmberechtigtes Mitglied des Vorstands war - ich erfuhr davon nur durch ein anderes Vorstandsmitglied. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich vermutlich gegen meinen eigenen Vorschlag gestimmt, weil Paul seine eigene ablehnende Meinung so gut begründet hatte, ohne jemals meine Sicht der Dinge zu Wort kommen zu lassen.

Ich schrieb an Paul und verlangte eine Entschuldigung. Er hielt es nicht für notwendig, mir zu antworten.

Mit einiger Verspätung kam ich nun zu der Erkenntnis, dass bei CSICOP nicht die Mitglieder, sondern allein der Vorstand bestimmt, was geschieht. Als ich - wirklich zum ersten Mal - die Satzung intensiv durchlas, stellte ich fest, dass bei CSICOP der Vorstand nicht etwa von den Mitgliedern gewählt wird, sondern dass er sich schlicht selbst einsetzt. Auch über die Satzung hat nur der Vorstand zu beschließen, niemand anders.

Formal war das alles vollkommen legal, so stand es in der Satzung, die seit Monaten bei mir herumlag und ich nur beiläufig überflogen hatte, weil ich niemals auf den Gedanken bekommen wäre, dass eine als demokratischer Humanist bekannte Person wie Paul Kurtz auch nur im Traum darauf käme, Dinge in dieser Art zu regeln. Die ganze Zeit ging ich wie selbstverständlich von der Annahme aus, dass die Mitglieder von CSICOP ein Stimmrecht haben und den Kurs den Organisation kontrollieren können. Doch nun stellte sich heraus, dass die Mitglieder nicht einmal über die Satzung abstimmen dürfen, nur der Vorstand durfte dies.

Das war es dann. Weil es außer dem Vorstand niemanden gab, der etwas zu sagen hatte und an den ich mich hätte wenden können - Ray Hyman war das einzige Vorstandsmitglied, das mit mir sympathisierte - hatte ich keine andere Wahl mehr, als meinen Austritt zu erklären und mich komplett von CSICOP zu trennen.

 

Melton: Wie schätzen sie CSICOP nun ein, nachdem sie dieser Organisation nicht länger angehören?

 

Truzzi: In den öffentlichen Erklärungen von CSICOP zeigt sich eine Art Schizophrenie. Im Editorial des letzten Skeptical Inquirer schreibt z.B. Paul Kurtz, CSICOP bemühe sich um „Ausgewogenheit“ - das klingt fast ein wenig, als würde es von mir stammen. Liest man allerdings den Aufdruck auf dem Versandumschlag, in dem das Heft verschickt wurde, findet man dort eine extrem negative Haltung, voller Zitate aus der Time, der Washington Post und anderen Quellen, man habe dieses entlarvt und jenes als Humbug bloßgestellt, kämpfe gegen Irrationalismus und Pseudowissenschaften usw.  Natürlich gibt es dafür in der Bevölkerung einen Markt. Als Redaktionsleiter der CSICOP-Zeitschrift bekam ich regelmäßig Briefe von Lesern, die mich aufforderten, es den Idioten kräftig zu geben, die Horden des Irrationalismus zu bekämpfen usw.  Natürlich gingen auch gut durchdachte, vernünftige Briefe ein. Aber ich lernte, dass es da draußen einige wirklich extreme Leute gibt.

Mein zentraler Punkt ist, dass man sich als Advokat für eine bestimmte Position auch so zu erkennen geben sollte. CSICOP hat sich als eine Organisation von Advokaten herausgebildet, die die orthodoxen Auffassungen des wissenschaftlichen Establishments hochhalten, was paranormale Behauptungen betrifft. CSICOP ist nicht bloß skeptisch in dem Sinne, dass alle gute Wissenschaft skeptisch gegenüber außergewöhnlichen Behauptungen ist. CSICOP ist ultraskeptisch, es sind Hardliner, die in manchen Fällen dogmatisch verneinen.

Wenn sie Anwälte zur Verteidigung des wissenschaftlichen Establishments sein wollen, ist das aus meiner Sicht nicht zu bestanden. Aber wenn sie sich gleichzeitig so darstellen, als wären sie nicht nur Anwälte, sondern gleichzeitig auch Richter und Geschworene, dann stört mich das. Wenn sie offen zugeben, dass sie eine Organisation aus Advokaten sind - und nicht die Türsteher zur ultimativen wissenschaftlichen Wahrheit - dann habe ich keine Schwierigkeiten mit ihnen. Ich glaube, die Organisation hat eine Zukunft.

 

Clark: Mir scheint es, als ob CSICOP vor allem so auftritt: „Nun, Sie haben alle diesen leichtgläubigen Unsinn gelesen, aber hier gibt’s jetzt die Meinungen von anerkannten Experten dazu.“

 

Truzzi:  Genau. Es fragt sich nur, ob diese „anerkannten Experten“ wirklich „anerkannt“ und wirklich „Experten“ sind. In mancher Weise ist dieses Image nur vorgetäuscht.

CSICOP beschäftigt sich auch nicht mit den jeweils besten, fundiertesten Behauptungen. Stattdessen wird z.B. eine obskure „Hellseherin“ durchleuchtet, die bei Johnny Carson in der Tonight Show aufgetreten ist. Soweit mir bekannt ist, hat niemals irgend jemand mit wissenschaftlicher Methodenkenntnis oder sonstiger Qualifikation ihre angeblichen hellseherischen Fähigkeiten bestätigt. Mit Sicherheit wurde sie nie von führenden Parapsychologen getestet. Der einzige Grund, warum Kurtz und seine Gefolgschaft die Glaubwürdigkeit jener „Hellseherin“ zerstören wollten, war, dass sie in einer viel gesehenen Fernsehsendung aufgetreten ist.

Das mag angehen, wenn die Auseinandersetzung mit den Massenmedien die Hauptzweck sein soll. Dann gehen Sie nach solchen Sendungen zum Bundes-Presserat und beschweren sich dort. Ich sage nicht, dass das falsch ist. Im Fernsehen wird eine Menge Unsinn verbreitet und ich finde es nicht schlecht, wenn hier jemand widerspricht. Andererseits ist das für die Wissenschaft ziemlich bedeutungslos. Es ist wichtig für Propaganda, für public relations, für öffentliche Meinungsmache - wenn es für überhaupt irgend etwas wichtig ist. Und ich glaube nicht einmal, dass es dafür sonderlich wichtig ist. Diese Hellseherin wird in der Tonight Show nicht mehr auftreten. Aber auch nur vielleicht.

Soweit ich sehe, hat es CSICOP im wesentlichen nur vermocht, sich selbst öffentlich zu vermarkten. Das muss nicht unbedingt falsch sein, wenn es das ist, was man möchte.